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Produzierende Wirtschaft

Circular Storytelling – Fehlt der Kreislaufwirtschaft die große Erzählung?

Die Kreislaufwirtschaft verspricht Lösungen für viele drängende Herausforderungen: Klimawandel, Ressourcenknappheit, Müllberge. Doch obwohl die Idee so viel Potenzial birgt, kämpft sie oft mit einem ganz anderen Problem: mangelnder Sichtbarkeit. Das Panel „Circular Storytelling“ stellte deshalb eine entscheidende Frage: Fehlt der Kreislaufwirtschaft die große Erzählung – und wenn ja, wie kann sie gefunden werden? Unter der Moderation von Julia Gerber (Trending Topics) diskutierten Florian Schleicher (FUTURES), Manfred Meindl (VAUDE), Victoria Neuhofer (Damn Plastic) und Elisabeth Reiter (Greiner) über Botschaften, Bilder und Kommunikationsstrategien für den Systemwandel.

Emotion schlägt Information

Florian Schleicher machte gleich zu Beginn deutlich: Wer Menschen bewegen will, muss Emotionen wecken. Fakten reichen nicht. Die meisten Menschen trennen Müll nicht aus systemischer Einsicht, sondern weil sie sich damit als „gute Menschen“ fühlen. Identität schlägt Information. Was daraus folgt? Kommunikation für Kreislaufwirtschaft muss emotional, alltagsnah und positiv sein – nicht technisch oder belehrend. Er erinnerte an das berühmte Earth-Rise-Foto der Apollo-8-Mission – ein einzelnes Bild, das mehr ökologisches Bewusstsein geschaffen habe als viele Berichte. Auch Kreislaufwirtschaft brauche solche starken Bilder – keine trockenen Manifeste.

Persönliche Erlebnisse als Schlüssel

Alle Panelteilnehmenden berichteten von persönlichen Momenten, die 

ihr Verständnis für Kreislaufwirtschaft geprägt haben: 

  • Für Manfred Meindl war es die Geburt seiner Tochter, die ein tiefes Bewusstsein für planetare Verantwortung auslöste. 
  • Victoria Neuhofer kritisierte die anhaltende Oberflächlichkeit in der Nachhaltigkeitskommunikation – und macht es sich zur Aufgabe, genau hier einen radikalen Gegenpol zu setzen. 
  • Elisabeth Reiter erinnerte an ihre Großmutter, die durch ein Leben ohne Verschwendung das Prinzip Kreislaufwirtschaft intuitiv lebte – lange bevor es ein Konzept wurde.  

 Solche Geschichten machen abstrakte Prinzipien konkret – und bieten das Potenzial, eine neue Erzählung für nachhaltiges Wirtschaften zu gestalten. 

Kreislaufwirtschaft muss einfach, sexy und praktisch sein

Victoria Neuhofer brachte es auf den Punkt, in dem sie aufzeigte, dass die Gesellschaft kein Plastikproblem sondern ein Menschenproblem habe. Kreislaufwirtschaft sei zu oft unbequem, kompliziert und unsexy. Wer nachhaltige Produkte und Lösungen kommuniziert, müsse mehr auf Design, Storytelling und Alltagstauglichkeit achten. Die Botschaft dürfe nicht lauten: „Du musst nachhaltiger sein“, sondern: „Hier bekommst du ein tolles Produkt – wir kümmern uns um die Nachhaltigkeit im Hintergrund.“ Kreislaufwirtschaft müsse “laut, schrill und begehrenswert” sein – damit auch jene mitgenommen werden, die keine Expert:innen sind, sondern einfach leben wollen, ohne die Welt zu ruinieren. 

Kommunikation als Transformationsmotor

Marketing, so Schleicher, habe das Potenzial, Verhalten zu verändern – und müsse genau dafür eingesetzt werden. Statt Verzichtskommunikation braucht es eine Vision, die zeigt, wie ein gutes Leben mit weniger Ressourcen möglich ist. Dabei gehe es auch um Pragmatismus: Es sei besser, mit 80 % Lösung zu starten, als auf die perfekte zu warten. Auch Elisabeth Reiter betonte die Bedeutung verständlicher, authentischer Kommunikation. Greiner setzt in der internen Kommunikation auf persönliche Geschichten, Relevanz und ein einfaches Wording. Fachbegriffe wie „Kreislaufwirtschaft“ oder „CO2-Fußabdruck“ helfen wenig, wenn sie nicht in den Alltag der Menschen übersetzt werden. 

Vom Fachbegriff zum Gefühl

Manfred Meindl gab Einblicke in die Kommunikationsstrategie von VAUDE. Der Outdoor-Hersteller nutzt gezielt Begriffe wie „Langlebigkeit“, „Reparierbarkeit“ und „Performance“, um komplexe Nachhaltigkeitsthemen greifbar zu machen. Fachwörter werden vermieden – stattdessen setzt man auf einfache Erklärungen, glaubwürdige Inhalte und reale Anwendungsbeispiele. Wichtig sei nicht nur die Kommunikation nach außen, sondern auch nach innen. Oft sei es der Wandel im eigenen Unternehmen – etwa durch das interne Vorbilder, wie beispielsweise die Geschäftsführung – die Verhaltensänderungen anstoßen. 

Storytelling braucht Role Models

Ob es nun die eigene Großmutter ist, die mit Stofftaschentüchern aufwuchs, oder CEOs, die mit gutem Beispiel vorangehen – Role Models machen Kreislaufwirtschaft lebendig. Meindl berichtete, wie ein Umdenken bei VAUDE erst dann wirklich ins Rollen kam, als Führungskräfte begannen, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen. Vorbilder aus dem eigenen Umfeld wirken – viel stärker als große Kampagnen. Schleicher wagte eine provokante These: Auch Menschen wie Kim Kardashian könnten als „unusual allies“ neue Zielgruppen erreichen, die bisher kaum Berührungspunkte mit Nachhaltigkeit hatten. Denn manchmal brauche es genau diese überraschenden Brüche, um Aufmerksamkeit zu schaffen. 

Neue Narrative für ein neues Wirtschaften

Das zentrale Fazit des Panels: Ohne neue Geschichten keine neue Wirtschaft. Kreislaufwirtschaft muss raus aus der Expert:innen-Ecke und rein in den Alltag. Sie braucht positive Bilder, konkrete Vorbilder, einfache Botschaften und eine klare Antwort auf die Frage: Was habe ich – ganz persönlich – davon? Und genau hier liegt die große Aufgabe: Nicht nur Systeme zu ändern, sondern auch die Geschichten, die wir uns über gutes Leben, Erfolg und Fortschritt erzählen. 

Take-Home-Messages
  • Kreislaufwirtschaft braucht Emotion, nicht nur Information. Menschen handeln, wenn sie sich angesprochen fühlen – nicht, wenn sie belehrt werden. 

  • Storytelling kann Systemwandel anstoßen. Persönliche Geschichten, starke Bilder und greifbare Produkte wirken stärker als abstrakte Modelle. 

  • Einfachheit ist der Schlüssel. Kommunikation muss alltagstauglich, pragmatisch und positiv sein – damit sie nicht abschreckt, sondern einlädt. 

  • Role Models machen den Unterschied. Vom Vorstand bis zur Großmutter – Vorbilder in der Nähe wirken glaubwürdiger als Visionen in der Ferne. Vom Vorstand bis zur Großmutter – Vorbilder in der Nähe wirken glaubwürdiger als Visionen in der Ferne. 

Weiterführende Informationen
  • Dieser Text fasst eine Paneldiskussion zusammen, die im Rahmen des Sechsten Nationalen Ressourcenforums im Mai 2025 in Salzburg stattfand. Weitere Informationen zum Sechsten Nationalen Ressourcenforum finden Sie hier.

  • Die Paneldiskussion wurde in Kooperation mit Trending Topics organisiert.

(01.12.2025)

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