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GemeindenProduzierende Wirtschaft

Circular Tourism. Kreislaufwirtschaft als Chance für Destinationen und Betriebe

Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor – zugleich aber ressourcenintensiv. Die Session „Circular Tourism“ beleuchtete, wie zirkuläre Ansätze helfen können, touristische Angebote nachhaltiger zu gestalten – und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig zu bleiben. Im Zentrum standen praxisnahe Beispiele aus Hotellerie, Veranstaltungsmanagement und Gastronomie, die zeigten, wie Kreislaufwirtschaft im Tourismus konkret funktionieren kann: durch zirkuläre Produkte, innovative Geschäftsmodelle und ein Umdenken in Planung und Betrieb.

Den Einstieg gestaltete Katrin Erben, Nachhaltigkeitsexpertin bei der Österreich Werbung. Sie betonte, dass nachhaltiger Tourismus einen grundlegenden Systemwandel erfordere – weg von kurzfristiger Nutzung, hin zu Wertschätzung, Ressourcenbewusstsein und sinnvoller Ressourcennutzung. Kreislaufwirtschaft sei dabei kein rein technisches Konzept, sondern ein Transformationsprozess, der Haltung, Strukturwandel und Zusammenarbeit voraussetze. Erben unterstrich, dass es auf jeden einzelnen Schritt ankommt – ob bei Betrieben, Veranstaltungen oder in der Kommunikation mit Gästen. Es gehe nicht allein um Effizienz, sondern um ein echtes Umdenken in den Strukturen. Viele Leitbetriebe seien bereits auf dem Weg, andere könnten von ihren Erfahrungen lernen – unabhängig davon, ob sie direkt im Tourismus tätig sind oder nicht.

Zirkularität als Systeminnovation im Tourismus

Kreislaufwirtschaft ist im Tourismus kein Zukunftsthema mehr – sie ist notwendig, um den ökologischen Fußabdruck des Sektors zu senken und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben. Harald Friedl stellte klar: Es geht nicht um technische Lösungen – die existieren längst. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Zusammenarbeit aller Akteur: innen entlang der touristischen Wertschöpfungskette. Ausgehend von einer Studie mit der Tirol Werbung wurde das zirkuläre Potenzial in fünf zentralen Bereichen analysiert: Beherbergung, Infrastruktur, Gastronomie, Mobilität und Freizeitangebote. Entscheidend sei ein ganzheitliches Verständnis: Kreislaufwirtschaft folgt einem regenerativen Ansatz, der weit über Recycling hinausgeht. Vermeiden steht dabei an erster Stelle – etwa durch bewusste Reiseentscheidungen, Verzicht auf Kurzstreckenflüge oder den Einsatz langlebiger Produkte. Es folgen Strategien wie Reduzieren, Wiederverwenden, Verlängern und erst zuletzt: stoffliche oder energetische Verwertung. Zahlreiche Beispiele – vom Upcycling-Hotel bis zur Sharing Economy in alpinen Destinationen – zeigen, wie die Transformation gelingen kann. Laut Friedl lässt sich der touristische Fußabdruck global um bis zu 41 % senken, wenn zirkuläre Prinzipien konsequent umgesetzt werden. Voraussetzung dafür ist nicht nur ein politischer Rahmen, sondern auch eine klare Einladung an die Gäste: Gastfreundschaft und Zirkularität schließen einander nicht aus – sie können ein starkes Zukunftsversprechen sein. 

Großveranstaltungen im Wandel – das Circular Event-Konzept der Ski-WM

Die Ski-WM 2025 in Saalbach wurde gezielt als Circular Event konzipiert – mit dem Anspruch, Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung ins Zentrum zu stellen. Martina Kornthaler präsentierte ein Maßnahmenpaket, das vier zentrale Bereiche umfasste: Abfälle wurden durch Wiederverwendung, Verzicht auf Give-aways und digitale Kommunikationsmittel reduziert. Der Abfalltransport erfolgte emissionsarm mit E-Fahrzeugen und wurde mittels Füllstandssensoren effizient gesteuert. Fehlwürfe konnten durch gezielte Bewusstseinsbildung, den Einsatz von Wertstoffscannern und digitalen Tools wie der Digi-Cycle App deutlich reduziert werden. Ergänzend kamen flächendeckend Mehrweggebinde für Speisen und Getränke zum Einsatz. Mit einer durchschnittlichen Trennquote von 66 % und breiter Akzeptanz bei Publikum und Personal setzte die Veranstaltung neue Standards für künftige Großevents.  

Circular Inventory – Nachhaltigkeit im Beschaffungswesen

Mit jährlich rund 300.000 Tonnen Sperrmüll aus Tourismusbetrieben und Bürogebäuden stellt sich die Frage, wie vorhandene Ressourcen besser genutzt werden können. Benedikt Kramer präsentierte mit Circular Inventory eine digitale Plattform, die genau dort ansetzt: Ziel ist es, bestehende Materialien aus Räumungen gezielt in neue Projekte zu überführen – bevor sie im Abfall landen. Kern des Konzepts ist die Vernetzung von Materialanbietern und -suchenden. Projektverantwortliche können eintragen, wann ein Objekt geräumt wird, welche Einrichtungsgegenstände verfügbar sind und zu welchem Preis. Parallel dazu gibt es ein Abnahmeportal, in dem neue oder bestehende Projekte gezielt nach wiederverwendbaren Materialien suchen können – von Mobiliar bis Ausstattung. Der Ansatz fördert eine zirkuläre Nutzung vorhandener Ressourcen, reduziert Entsorgungskosten und bietet eine konkrete, wirtschaftlich attraktive Lösung für Hotels, Veranstalter und touristische Infrastrukturen. Kramer sieht darin ein praxisnahes Werkzeug, um Kreislaufwirtschaft in der täglichen Beschaffung zu verankern – vernetzt, transparent und ressourcenschonend. 

Zirkuläre Schlaflösungen für die Hotellerie

Mit MATR® wurde ein Produkt vorgestellt, das Kreislaufwirtschaft bereits im Design verankert. Verena Judmayer zeigte, wie zirkuläre Prinzipien konsequent in der Entwicklung und Nutzung von Hotelmatratzen umgesetzt werden können – von der ersten Materialentscheidung bis zur Rücknahme am Ende des Lebenszyklus. Im Fokus steht dabei das Prinzip „Design for Circularity“: MATR®-Matratzen bestehen aus hochwertigen Monomaterialien, was ihre Langlebigkeit erhöht und ein sortenreines Recycling erleichtert. Durch den modularen Aufbau lassen sich einzelne Komponenten einfach austauschen, reparieren oder wiederaufbereiten. Ein digitaler Produktpass ermöglicht zudem die lückenlose Nachverfolgung der verwendeten Materialien. Die Matratzen werden nicht nur geliefert, sondern auch zurückgenommen und einem zirkulären Kreislauf zugeführt. MATR® zeigt damit, wie nachhaltige Produktgestaltung und wirtschaftlicher Betrieb in der Hotellerie zusammengedacht werden können. 

Weniger Lebensmittelabfall – mehr Effizienz in der Gastronomie

Dass auch im laufenden Betrieb große Einsparpotenziale bestehen, zeigte ein Beispiel aus dem Programm „Küchenprofi(t)“ von United against waste mit Fokus auf Lebensmittel. Nicolas Heidrich und Basilius Engelmair demonstrierten, wie durch gezielte Analysen und einfache Maßnahmen durchschnittlich 23 % des vermeidbaren Lebensmittelabfalls eingespart werden können. Dies entspricht pro Betrieb rund 9.600 € weniger Wareneinsatz und einer jährlichen Reduktion von 231 Tonnen CO₂-Äquivalenten über alle bislang betreuten Betriebe. Die Beratung wird österreichweit gefördert und trifft auf wachsende Nachfrage – auch bei touristischen Betrieben.  

„Kreislaufwirtschaft im Tourismus funktioniert, wenn …“  

  • „… zusammengearbeitet wird.“ 
  • „… Teamwork den Wandel möglich macht.“ 
  • „… jemand die Koordination übernimmt.“ 
  • „… Konsument:innen ihre Verantwortung erkennen – und auf der anderen Seite ein ehrliches Angebot finden.“ 
  • „… man den Mut hat, zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen.“ 
  • „… Werte und Haltung die Grundlage für alle Entscheidungen sind.“ 
Take-Home-Messages
  • Alltag zählt: Kreislaufwirtschaft beginnt bei kleinen Entscheidungen – und kann durch bessere Produkte, Strukturen und Geschichten im Alltag verankert werden.

  • Struktur schlägt Moral: Ohne passende Rahmenbedingungen bleibt auch der gute Wille wirkungslos. Nachhaltiges Verhalten muss einfach, bequem und logisch sein.

  • Weniger ist mehr: Weniger konsumieren bedeutet nicht Verzicht, sondern kann neue Lebensqualität schaffen – durch Entschleunigung, Teilhabe und Achtsamkeit.

  • Teilen ist das neue Haben: Statt Besitz stehen künftig Nutzung, Funktion und Gemeinschaft im Mittelpunkt – und eröffnen neue Wege für Konsum und Wirtschaft.

  • Zukunft ist Teamarbeit: Nur wenn Politik, Unternehmen, Bildung und Gesellschaft gemeinsam handeln, wird Kreislaufwirtschaft vom Nischenmodell zum neuen Standard. 

Weiterführende Informationen
  • Dieser Text fasst einen Roundtable mit Katrin Erben (Nachhaltigkeitsexpertin, Österreich Werbung), Harald Friedl (Circular Economy Innovation Agency), Martina Kornthaler (Geschäftsführerin Gassner Entsorgung und Umweltservice GmbH/Saubermacher), Benedikt Kramer (Senior Consultant CEMIT), Verena Judmayer (Co-Founder & Co-CEO | MATR®), Nicolas Heidrich & Basilius Engelmair (United against waste/Küchenprofit) zusammen, die im Rahmen des Sechsten Nationalen Ressourcenforums im Mai 2025 in Salzburg stattfand. Weitere Informationen zum Sechsten Nationalen Ressourcenforum finden Sie hier.

  • Alle Präsentationen finden Sie hier.

  • Der Roundtable wurde in Kooperation mit Österreich Werbung und Österreichischer Hoteliervereinigung organisiert.

(01.12.2025)

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