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Eine Anthropologie der alltäglichen Dinge – Strategien zur Langlebigkeit unserer Produkte

In einer Zeit ökologischer Krisen und eines übermäßigen Konsums muss sich Design von bloßer Ästhetik und Funktionalität emanzipieren. Design soll ein Katalysator für nachhaltiges Leben werden. Diese Betrachtung fordert ein radikales Umdenken: Design – eingebettet in den Alltag – kann und muss zur Triebkraft für ökologische Verantwortung werden, nicht durch Einschränkung, sondern durch die bewusste Gestaltung unserer Umgebungen, unserer Motivationen und unserer materiellen Kultur.

Ob zum Gutem oder Schlechten

Design ist niemals neutral und immer Manipulation. Jedes Objekt und jede Umgebung, mit der wir interagieren, beeinflusst unser Verhalten, unsere Emotionen und unsere Gewohnheiten. Traditionelles Produktdesign konzentrierte sich oft auf kurzfristige Problemlösungen oder maximale Benutzerfreundlichkeit. Doch die Nachhaltigkeitskrise verlangt ein kontextsensibles Vorgehen. Wenn ein Verhalten in einer bestimmten Situation unerwünscht ist, dürfen wir diese Situation nicht weiter gestalten – wir müssen eine neue Umgebung entwerfen, die ein anderes, nachhaltiges Verhalten ermöglicht. Designerinnen und Designer wissen längst, wie man Begehren erzeugt, wie man Produkte mit kurzer Lebensdauer entwickelt und wie man den schnellen Konsum fördert. Diese Fähigkeiten, die unsere moderne Wegwerfgesellschaft angetrieben haben, müssen nun eingesetzt werden, um langfristigen Nutzen, emotionale Bindung und ökologische Balance zu fördern. 

“Evolutionary Mismatch”

Wir werden in eine Welt voller künstlicher Artefakte hineingeboren – Licht, Möbel, Maschinen –, die unsere natürlichen Sinne überfordern. Unsere Gehirne sind nicht für rechte Winkel oder monotone Oberflächen geschaffen. Ein zentrales Konzept in diesem Zusammenhang ist die sogenannte ‚evolutionäre Fehlanpassung‘. Unsere Entscheidungsmechanismen entstanden in archaischen Lebensbedingungen – kleine Stämme, unmittelbare Bedürfnisse, begrenzte Ressourcen. Einst adaptive Verhaltensweisen und Emotionen werden in modernen Umgebungen maladaptiv. Bedeutung im Kontext der Vorfahren wurde auf Überleben und Fortpflanzung reduziert, und die Aufmerksamkeit richtete sich auf die Nahrungssuche, nicht auf die Beute und die Zeugung von Nachkommen. In der modernen Gesellschaft haben sich die Herausforderungen verschoben, und mit ihnen hat sich auch die Bedeutung verschoben. Diese Instinkte, etwa kurzfristige Bedürfnisbefriedigung oder soziale Vergleichbarkeit, waren in der Vergangenheit sinnvoll, führen heute aber zu Überkonsum und Umweltzerstörung. Ähnlich, verstärkt Langeweile als negative Emotion die Suche nach Neuem. Sie motiviert zum Streben nach neuen Erfahrungen, die sich von denen unterscheiden, die zur Langeweile geführt haben.  

Der Mensch inmitten der Dinge

Donald Norman und James Gibson lieferten mit ihren Theorien zu Affordanzen (affordances) und Einschränkungen (constraints) einen Rahmen, um Design als Sprache zwischen Mensch und Objekt zu verstehen. Ein „button“ auf einer Webseite ermöglicht mir eine Interaktion ähnlich wie mit einem physischen Knopf. Contraints hingegen sind Einschränkungen, die durch interne und externe Faktoren entstehen. So ist die Couch vielleicht zu klein für ein Nickerchen. Die Designelemente auf Artefakten, die diese Botschaft vermitteln, nannte Norman signifiers, oder Signifikanten. In der Gestaltung war die Wende zum nutzerzentrierten Design ein bedeutender Fortschritt, doch ging er vielleicht zu weit. Was einst ‚leicht benutzbar‘ war, wurde zu ‚leicht begehren und wegwerfen‘ und als Resultat schätzen wir unsere Dinge nicht mehr. Wie der Designtheoretiker Jonathan Chapman betont, ist die sogenannte Benutzererfahrung vollständig auf freudige, nahtlose und reibungslose Interaktionen ausgerichtet. Jegliche Unannehmlichkeiten wie Traurigkeit, Verwirrung oder Wut werden durch Design vermieden. Für den Nutzer wird das Erlebnis zwar elegant, aber nicht realistisch. Design konzentriert sich darauf, Dinge schnell zu erledigen, aber wenn die Zeit jeder Aufgabe reduziert wird, reduziert sich auch das Erlebnis, das wir Leben nennen. Obwohl solche Einschränkungen in vielen Situationen offensichtlich ein großer Vorteil sind, berauben sie uns Nutzer einiger der schönsten Gelegenheiten und wahren Momente des Lebens. Was wir brauchen, ist emotionale Langlebigkeit – Produkte, zu denen wir eine Beziehung aufbauen, bevor sie überhaupt auf den Markt kommen.

Die Nachhaltigkeit fühlbar machen

Ein zentrales Problem der Nachhaltigkeit ist ihre Unsichtbarkeit. Menschen reagieren kaum auf abstrakte Bedrohungen wie den Klimawandel. Design muss Nachhaltigkeit erfahrbar machen – durch sichtbare Konsequenzen, biophile Reize und eine stärkere Verbindung zur Zukunft, etwa durch den Gedanken an die eigenen Kinder. Menschen streben nach Status und Konsum dient oft der Selbstdarstellung. Wenn Nachhaltigkeit als Prestigegewinn vermittelt wird, wird sie attraktiv. Design muss also nicht nur funktional, sondern auch sozial belohnend sein und politische Anreize können dies unterstützen. Darüber hinaus muss Design systemisch wirken: Infrastrukturen, institutionelle Rahmen und kollektives Verhalten sind entscheidend. Sharing-Economy-Modelle, Regulierungen und gemeinschaftsorientierte Geschäftsmodelle sind zentrale Bausteine für eine nachhaltige Zukunft. Ethnografie, qualitative Forschung, UX/UI-Design und emotionale Gestaltung sind die Werkzeuge dieser neuen Ausrichtung.

Conclusio

Design hat die Welt, wie wir sie heute kennen – in all ihrer Unnachhaltigkeit – maßgeblich mitgestaltet. Daraus folgt eine Verantwortung: Design muss künftig nicht Konsum, sondern Bedeutung, Nutzen und emotionale Verbindung erforschen. Wie der Philosoph Alan Watts sagte: ‚Wir kommen nicht auf diese Welt – wir kommen aus ihr.‘ Nachhaltiges Design bedeutet, mit der natürlichen und kulturellen Umgebung zu gestalten – und nicht gegen sie. Die alltäglichen Dinge beeinflussen unser Leben und somit auch, ob und wie wir nachhaltig leben können. 

Weiterführende Informationen
  • Dieser Text fasst eine Keynote zusammen, die im Rahmen des Sechsten Nationalen Ressourcenforums im Mai 2025 in Salzburg gehalten wurde. Weitere Informationen zum Sechsten Nationalen Ressourcenforum finden Sie hier.

(01.12.2025)

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