Landwirtschaft im Kreislauf. Wie geht das?
Die Landwirtschaft steht wie kaum ein anderer Sektor im direkten Austausch mit natürlichen Ressourcen – und zugleich unter zunehmendem Druck durch Klimawandel, Flächenkonkurrenz und gesellschaftliche Anforderungen. Gleichzeitig birgt sie enormes Potenzial für geschlossene Stoffkreisläufe und regionale Ressourcennutzung. Diese Breakoutsession zeigte, wie Kreislaufwirtschaft in der land- und forstwirtschaftlichen Praxis konkret gelebt wird. Neben innovativen Betriebseinblicken stand mit dem „Ressourcen Check“ ein digitales Werkzeug im Fokus, das Landwirt:innen bei der Bewertung und Weiterentwicklung ihrer Ressourceneffizienz unterstützt – mit praxisnahen, vielseitigen und richtungsweisenden Impulsen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.
Martin Wette (LK Österreich) eröffnete die Session mit einem Blick auf zentrale Herausforderungen der Land- und Forstwirtschaft: Klimawandel, Biodiversitätsverluste, Flächenkonkurrenz, regulatorischer Druck und die Endlichkeit künstlicher Dünger fordern neue Antworten. Kreislaufwirtschaft, so Wette, könne ein zukunftsfähiger Ansatz sein – mit dem Ziel, Abfälle zu vermeiden, Stoffkreisläufe zu schließen und Ressourcen länger zu nutzen. Dabei gelte es, nicht nur den klassischen Nährstoffkreislauf zu betrachten, sondern betriebliche und überbetriebliche Zusammenhänge einzubeziehen: von Futter und Tierhaltung über Nebenprodukte bis zur energetischen Nutzung. Kreislaufwirtschaft bedeute auch Zusammenarbeit – mit Lieferanten, Kund:innen und Mitbewerbern. Im Mittelpunkt stehe die Produktion hochwertiger Lebensmittel bei gleichzeitigem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen.
Kreislaufwirtschaft im Kleinen denken – und regional schließen
Wie vielfältig und praxisnah Kreislaufwirtschaft am Betrieb umgesetzt werden kann, zeigte eindrucksvoll der Beitrag von Josef Quehenberger. Am „Rocherhof“ in Abtenau führt er als zehnte Generation den Bio-Betrieb „Bioarche Rocherbauer“ und setzt dabei auf tiergerechte Haltung, regional geschlossene Stoffkreisläufe und die Erhaltung gefährdeter Nutztierrassen. Unter dem Prinzip des „abgestuften Wiesenbaus“ bewirtschaftet der Betrieb 12,5 Hektar reines Grünland in drei unterschiedlichen Intensitätsstufen – von der artenarmen, aber futterertragreichen Fläche bis hin zur extensiv genutzten, biodiversitätsreichen Naturschutzfläche. Letztere werden nur einmal jährlich gemäht – der Aufwuchs dient als Einstreu oder Futter und durchläuft so wiederum den Stallkreislauf. In der Direktvermarktung von Rind-, Lamm- und Putenfleisch fallen zahlreiche Reststoffe an, für die kreative Lösungen gefunden wurden. So wird beispielsweise die Putenfeder nach Laboranalyse als hochwertiger Pflanzendünger pelletiert und vermarktet, die Schafwolle über eine Kooperation mit dem Schaf- und Ziegenzuchtverband zu ökologischem Dünger verarbeitet. Auch Pferdemist oder Kakaoschalen wurden bereits als Ausgangsstoffe für neue Produkte genutzt. Der jüngste Versuch: Kaffeesatz aus regionaler Hotellerie wird gesammelt und soll künftig in einer betriebseigenen Testanlage aufbereitet werden. „Man muss flexibel und erfinderisch sein“, so Quehenberger – Kreislaufwirtschaft beginne oft im Kleinen, brauche aber Begeisterung, Geduld und Experimentierfreude.
Der Ressourcen Check für die Land- und Forstwirtschaft
Andrea Zetter vom Ländlichen Fortbildungsinstitut (LFI) Österreich stellte im Anschluss ein zentrales Werkzeug zur systematischen Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft am Betrieb vor: den „Ressourcen Check für die Land- und Forstwirtschaft“. Das digitale Selbstanalyse- Tool wurde gemeinsam mit dem Ressourcen Forum Austria und den Landwirtschaftskammern entwickelt und ermöglicht eine strukturierte Einschätzung der Kreislaufwirtschaft eines Betriebs. Nach dem Ausfüllen eines Fragebogens zu acht betrieblichen Handlungsfeldern – von Bodenbewirtschaftung über Energieeinsatz bis zu Maschinen – erhalten die Anwender:innen in Echtzeit eine Auswertung ihrer Stärken und Verbesserungspotenziale. Ziel ist nicht eine Zertifizierung, sondern eine praxisnahe Standortbestimmung mit konkreten Handlungsempfehlungen. Die Ergebnisse helfen dabei, gezielt Maßnahmen zur Ressourcenschonung zu priorisieren – etwa durch bodenschonende Bewirtschaftung, effizientere Düngeplanung oder Verwertung von Reststoffen. Der Ressourcen Check ist niederschwellig, selbsterklärend und kostenlos nutzbar – und eignet sich für Betriebe aller Größen und Ausrichtungen, etwa bei der Standortbestimmung, Neuausrichtung oder Hofübernahme.
Rückmeldungen aus der Praxis – ein Tool mit Potenzial
Wie der Check in der Praxis genutzt wird, schilderte Lisa Zanker vom Direktvermarktungsbetrieb „Jahner Spanferkel“. Ihr Ackerbau- und Schweinezuchtbetrieb bietet gefüllte Spanferkel inklusive Beilagen an – ein kulinarisches Nischenprodukt mit wachsender Beliebtheit. Über eine Empfehlung auf Social Media wurde sie auf den Ressourcen Check aufmerksam und nutzte ihn im Rahmen einer Veranstaltung zur strukturierten Selbstreflexion am eigenen Betrieb. Zankers Fazit: Der Check sei übersichtlich, intuitiv aufgebaut und gut geeignet, um die eigenen Stärken und Potenziale rasch zu erkennen. Auch wenn manche Detailfragen je nach Betriebsform nicht immer eindeutig zu beantworten seien, ermögliche die Funktion „nicht relevant“ eine flexible Handhabung. Sie regt an, das Tool künftig weiterzuentwickeln – etwa durch einen persönlichen Login-Bereich zur Nachverfolgung von Fortschritten, Freitextfelder für Kommentare und Feedbackoptionen durch Expert:innen. Besonders betont Zanker: Es ist nicht immer einfach, allgemeingültige Fragen zu stellen – denn landwirtschaftliche Betriebe sind extrem vielfältig, etwa je nach Höhenlage, Spezialisierung oder Struktur. Trotz einzelner Optimierungsvorschläge zeigt sie sich überzeugt: „Am Ende des Tages zählt nicht die perfekte Punktzahl, sondern dass wir gemeinsam einen Weg Richtung Kreislaufwirtschaft finden.“
Landwirtschaft nutzen – Kreisläufe stärken
Die Session machte deutlich: Landwirtschaft kann ein zentraler Treiber der Kreislaufwirtschaft sein – nicht nur in der Theorie, sondern mit konkreten, praxiserprobten Maßnahmen. Die vorgestellten Beispiele zeigten, dass Kreislaufwirtschaft auf vielen Wegen umgesetzt werden kann: durch intelligente Flächennutzung, Reststoffverwertung, Kooperationen und digitale Werkzeuge. Dabei ist entscheidend, die Vielfalt der Betriebe zu respektieren, Weiterentwicklung zu ermöglichen und neue Formen der Zusammenarbeit zu fördern. Mit dem Ressourcen Check steht nun ein niedrigschwelliges Instrument zur Verfügung, das sowohl Einsteiger:innen Orientierung als auch fortgeschrittenen Betrieben Impulse geben kann. Die Rückmeldungen aus der Praxis zeigen, dass solche Tools nicht nur Akzeptanz finden, sondern auch die Bereitschaft fördern, sich aktiv mit den eigenen Stoffkreisläufen auseinanderzusetzen. Die Landwirtschaft verfügt über jahrhundertealtes Wissen über Kreisläufe – es gilt nun, dieses Wissen mit modernen Ansätzen zu verbinden und so gemeinsam eine resiliente, ressourcenschonende Zukunft zu gestalten.
Relevante Schlagworte
(01.12.2025)



