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Langlebigkeit und die Rolle der Bestände. Kreislaufwirtschaft in Europa, Österreich und Wien.

Trotz ambitionierter Ziele in der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie verläuft die Reduktion des Ressourcenverbrauchs bislang langsamer als erwartet. Ein bisher wenig betrachteter Treiber hinter unserem Ressourcenverbrauch sind unsere materiellen Bestände. Ob Gebäude, Straßen, Maschinen oder Infrastrukturen – der Großteil des Ressourcenverbrauchs fließt in langlebige, material-intensive Bestände, die zum Großteil über Jahrzehnte in gesellschaftlicher Nutzung bleiben. Diese „materiellen Lager“ prägen nicht nur unseren Ressourcenverbrauch und die damit verbundenen Umweltwirkungen, sondern auch den Handlungsspielraum für zukünftige Transformationen.

Österreichs Bestände – größer als gedacht

Österreich zählt zu den Ländern mit dem höchsten Materialbestand pro Kopf in der Europäischen Union: Im Jahr 2016 lag dieser bei 480 Tonnen pro Person. 96% unserer Bestände bestehen aus 5 Materialgruppen: Sand/Kies/Schotter, Asphalt, Beton, Ziegel, Eisen/Stahl. 2020 flossen 46% des österreichischen Materialverbrauchs in die Bestände. Rund 56 % davon wurden für den Aufbau neuer Bestände verwendet, die anderen 44 % für deren Erhalt und Ersatz bestehender Bestände. Das heißt, selbst wenn wir keine neuen Häuser mehr bauen würden, bräuchten wir immer noch ungefähr die Hälfte des Materialverbrauchs, um jene Strukturen zu erhalten, die wir in der Vergangenheit aufgebaut haben. Analysen zur Kreislaufwirtschaft zeigen weiters, dass die input-bezogene Zirkularitätsrate derzeit bei nur 8% liegt, d.h. nur 8% unserer Inputs sind Sekundärrohstoffen. Denn, 26% der PM werden exportiert, 23% der Materialinputs werden energetisch genutzt und in Emissionen umgewandelt, und 46% werden in Beständen gebunden, die erst Jahrzehnte später für eine Wiederverwertung zur Verfügung stehen. Materialbestände sind weiters überdurchschnittlich energieintensiv in Produktion und dann in der Nutzungsphase. Heizsysteme, energiebetriebene Einrichtungsgegenstände, Mobilitätsinfrastruktur, Treibstoffe und Strom für Fahrzeuge etc. brauchen laufend Energie, damit wir die Bestände über die gesamte Lebenszeit auch benutzen können. Schließlich muss gesagt werden, dass auch die zeitliche Entwicklung der Bestände ein besorgniserregendes Bild zeichnet: Die Bestände haben sich in Österreich seit 1970 fast verdreifacht. Und das, obwohl die Bevölkerung deutlich langsamer um den Faktor 1,2 gewachsen ist. Bestände wirken somit wie ein struktureller Bremsklotz für die Kreislaufwirtschaft. 

Kritische Rohstoffe und Pfadabhängigkeiten

Die großen Massen unserer Bestände stehen auch in direktem Zusammenhang mit der Energiewende und kritischen Rohstoffen. Der Umbau der Energieinfrastruktur zur Versorgung unserer Gebäude und Mobilität braucht neben den großen Masseflüssen auch viele der kritischen Rohstoffe, diese jedoch in viel kleineren Mengen. Die kritischen Rohstoffe (z.B. seltene Erden, Kobalt, Lithium, etc.) sind nur begrenzt verfügbar und in der Gewinnung oft mit großen Umweltauswirkungen verbunden. Zudem beziehen wir viele der kritischen Rohstoffe aus politisch instabilen Ländern, teilweise unter Abbaubedingungen, die sozial und ökologisch hoch problematisch sind. Die Kreislaufwirtschaft kann hier einen doppelten Beitrag leisten: Erstens durch die Reduktion der Primärnachfrage, die durch eine Reduktion der Materialinputs in Bestände erreicht werden kann. Weniger Bestände bedeuten weniger Material und Energie im Aufbau und im anschließenden Betrieb. Zweitens durch die Rückgewinnung und sekundärer Nutzung kritischer Rohstoffe aus Beständen und ihren Abbruchmaterialien. 

Von der Produkt- zur Bedarfslogik

Kreislaufwirtschaft muss also bei den Beständen ansetzen, und zwar mit einem radikal neuen Denken. Nicht das Produkt sollte im Mittelpunkt stehen, sondern der gesellschaftliche Nutzen, den Bestände für uns bereitstellen: Welchen und wieviel Raum brauchen wir tatsächlich für ein Gutes Leben? Wieviel Gerätschaft ist notwendig für welche Art von Alltagsleben? Welche Wohn-, Arbeits-, Mobilitätsinfrastruktur sichert Lebensqualität? Wo liegen Potenziale für geteilte Nutzung, Verdichtung oder Umbau? Diese sogenannte „Bedarfslogik“ rückt soziale Bedürfnisse wie lebenswerter und sozialer Wohnraum, effiziente und gesundheitsfördernde Mobilität oder gerechter Zugang zu Versorgung und Kommunikation ins Zentrum – nicht deren materielle Hülle. Das bedeutet: weniger neu bauen, mehr umbauen; weniger Fläche pro Kopf, mehr Gemeinschaftsnutzung und klügere Verteilung und Struktur von Räumen; weniger Produktverkauf, mehr Dienstleistung. Anstatt ausschließlich auf technisches Recycling zu setzen, braucht es Strategien zur Verlangsamung und Stabilisierung der Bestände: Dazu zählen beispielsweise längere Lebensdauern von Produkten und Infrastrukturen durch Qualität und Reparaturfähigkeit, die kollaborative Nutzung gemeinsamer Räume und Infrastrukturen, bedarfsorientierte Verteilung von Wohn-, Arbeits- und Mobilitätsräumen, aber auch die Vermeidung von ineffizienten Beständen durch Leerstand, Zweitwohnsitzen und spekulativem Bauen. Nur so kann verhindert werden, dass wir immer mehr Material anhäufen, dadurch Ressourceninputs wachsen, und weiterhin Emissionen verursachen. 

Vom Recyclen zum Reduzieren: Die 10 R der Kreislaufwirtschaft

In der Kreislaufwirtschaft wird oft auf das Recycling fokussiert. Recycling ist jedoch nur die letzte Phase in einer Reihe von Strategien. In der Literatur und auch in der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie werden die Maßnahmen nach den sogenannten 10 R-Strategien strukturiert:  

  1. Refuse
  2. Rethink
  3. Reduce
  4. Reuse
  5. Repair
  6. Refurbish
  7. Remanufacture
  8. Repurpose
  9. Recycle
  10. Recover

Die Priorisierung der Strategien beginnt mit der Vermeidung von Materialflüssen („narrow“, Strategien R1-R3), gefolgt von der Verlangsamung der Material-/Produktnutzung („slow“, R4-R8). Erst als letzte Option geht es schließlich um das Schließen der Stoffkreisläufe („close“, R9-R10). Bei langlebigen Beständen wie Gebäuden und Infrastrukturen kann „Refuse“ bedeuten, auf Neubau, v.a. auf bisher unverbauter Fläche, zu verzichten. Durch „Rethink“ können bestehende Bestände einer neuen oder anderen Nutzung zugeführt werden – etwa durch Aufstockung, Umnutzung oder Nachverdichtung; oder Mobilität kann anders organisiert werden durch sharing Konzepte, durch verbesserte Raumplanung mit kürzeren Wegen, und durch Verschiebung hin zu elektrischen oder aktiven Mobilitätsformen. 

Strategiewechsel gefordert

Da Bestände Jahrzehnte bestehen bleiben, ist es entscheidend, jetzt die richtigen Weichen zu stellen – in Planung, Design und Bauweise. Denn die Langlebigkeit der heute errichteten Strukturen bestimmt die Ressourcenflüsse von morgen. Kreislaufwirtschaft bedeutet daher auch: schnell und klug handeln, um langfristige Pfadabhängigkeiten zu vermeiden. Dazu braucht es eine stärker bedarfsgesteuerte Kreislaufwirtschaft, die sich nicht an einer Produktlogik, sondern am gesellschaftlichen Nutzen orientiert. Zwei Drittel der Sustainable Development Goals (SDGs) sind direkt oder indirekt mit Beständen und Infrastrukturen verbunden – hier liegt enormes Transformationspotenzial. Politische Entscheidungsträger auf nationaler aber auch kommunaler Ebene, Bauherren und Planungsbehörden sind zentrale Akteure, die über Flächennutzung, Bauvorgaben und Infrastrukturentwicklung, und damit über den Ressourcenbedarf der nächsten Generationen bestimmen. 

Take-Home-Messages
  • Materielle Bestände sind der größte Hebel – und gleichzeitig die größte Bremse für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft. 

  • Langlebigkeit allein reicht nicht – es braucht ein Umdenken hin zu weniger und klüger genutzten Beständen. 

  • Strategien wie Refuse, Reduce und Rethink müssen vor Recycling kommen, um Ressourcenflüsse tatsächlich zu verringern. 

  • Politik, Planung und Gesellschaft müssen gemeinsam handeln, um die strukturellen Pfadabhängigkeiten durch intelligentes Design und vorausschauende Raumplanung aufzubrechen. 

Weiterführende Informationen
  • Dieser Text fasst eine Keynote von Nina Eisenmenger, Assoziierte Professorin am Institut für soziale Ökologie, Universität für Bodenkultur Wien zusammen, die im Rahmen des Sechsten Nationalen Ressourcenforums im Mai 2025 in Salzburg gehalten wurde. Weitere Informationen zum Sechsten Nationalen Ressourcenforum finden Sie hier.

(01.12.2025)

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