Nachbericht | Naturnahe Gestaltung öffentlicher Grünflächen

Neben der Klimakrise ist das globale Artensterben eine der großen ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Um die Vielfalt der Arten zu erhalten, müssen auf allen Ebenen Maßnahmen gesetzt werden. In immer mehr Gemeinden keimt das Bewusstsein über die eigene Rolle auf. Im Fokus stehen dabei zunehmend die gemeindeeigenen und öffentlichen Grünflächen und deren naturnahe Gestaltung.  

In einer grenzüberschreitenden Kooperationsveranstaltung des Ressourcen Forum Austria und der Partner Salzburger Institut für Raumordnung und Wohnen GmbH – SIR, Land Salzburg, den Regionalverbänden Flachgau Nord, Salzburger Seenland und Salzburg-Umgebung sowie dem Landkreis Berchtesgadener Land, der EUREGIO Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein und dem Salzburger Bildungswerk informierten Ende September in der Gemeinde Lamprechtshausen Expert:innen aus Bayern und Österreich, wie Gemeinden durch naturnahe Grünraumgestaltung zur biologischen Artenvielfalt beitragen können und welche Maßnahmen diese setzen können. Zudem motivierten Gemeindebeispiele aus der Region zu Maßnahmen in der eigenen Gemeinde und boten einen Erfahrungsaustausch zwischen den Gemeinden der EUREGIO aus Bayern und Österreich.

Bildnachweis: pixabay.com

Wie Gemeinden zu biologischer Artenvielfalt beitragen können

Andrea Pabinger, Bürgermeisterin der Gemeinde Lamprechtshausen, die für diese Veranstaltung den Sitzungssaal der Gemeinde zur Verfügung stellte, betonte in ihrer Begrüßung die Wichtigkeit des Themas, und die Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Antwort auf das Problem des Artensterbens. Denn die Herausforderungen für mehr Natur in der Gemeinde zu sorgen, stellten sich sowohl in Bayern wie in Österreich gleichermaßen. Dieses Artensterben, so zeigte anschließend Andreas Van-Hametner in seiner Einleitung auf, ist Teil eines größeren Problems. Der Mensch nimmt immer stärker Einfluss auf die Entwicklung des ganzen Planeten – so sehr, dass Wissenschaftlicher mittlerweile vom sogenannten Anthropozän sprechen. Plakativ ausgedrückt  hat die globale Menschheit heute die dreieinhalbfache Mengen an Minen, Traktoren, Autos, Häusern, etc. wie 1970 – das ist deutlich zu viel. Diese Übernutzung führt zur Überschreitung planetarer ökologischer Belastungsgrenzen und damit zu unterschiedlichen Umweltproblemen. Am stärksten betroffen ist die Unversehrtheit der Biosphäre, hier durch das dramatische Artensterben und den Lebensraumverlust Dieses Problem betrifft uns alle, auf allen Ebenen der Gesellschaft! Auch Gemeinden können über unterschiedliche Maßnahmenfelder in Ihrem Wirkungskreis gegensteuern: Diesmal im Fokus die naturnahe Gestaltung der eigenen öffentlichen Grünflächen.

Natur in der Gemeinde

Was können nun Gemeinden konkret tun? Laut Lisa Fichtenbauer vom Salzburger Institut für Raumordnung und Wohnen GmbH – SIR können alle in der Gemeinde mithelfen, da jedes kleine Mosaik-Steinchen Grün als potentieller Lebensraum zählt. Bei der naturnahen Gestaltung öffentlicher Grünflächen sind drei Punkte zentral:

  • die Umstellung der Pflege (naturnahe Pflege bedeutet in der Regel weniger Pflege zB durch weniger Mahden – und das spart Kosten und Zeit der Mitarbeiter:innen) mit der Absage an Torf, chemisch-synthetische Pestizide und Dünger
  • der  Einsatz von regionalen Pflanzen (Saatgut, Stauden, Gehölze) und
  • die Gestaltung von Lebensraumstrukturen (Strukturreichtum schafft mehr Artenvielfalt und Lebensqualität)
Lisa Fichtenbauer präsentiert „Natur in der Gemeinde“; Bildnachweis: RFA

Für die Umsetzung dieser drei Punkte braucht es motivierte Gemeindebedienstete und eine unterstützende Bevölkerung. Deshalb muss jede Maßnahme in der Gemeinde immer mit flankierender Bewusstseinsbildung für Gemeindebedienstete und Bevölkerung begleitet werden – und erfordert Geduld! Am Ende hat von naturnaher Gestaltung aber nicht nur die Natur etwas. Den Bürger:innen bietet sich ein mehr an Lebensqualität und ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung der Natur im direkten Umfeld.

Best Practice Gemeinden Lamprechtshausen & Saaldorf-Surheim

Mit Lamprechtshausen und Saaldorf-Surheim konnten im Anschluss an den Impuls von Lisa Fichtenbauer zwei Gemeinden ihre eigenen Aktivitäten vorstellen. Bei einem Spaziergang durch Lamprechtshausen skizzierte Bürgermeisterin Andrea Pabinger die Entwicklung der kommunalen Grünflächen in der Vorreitergemeinde Lamprechtshausen in den vergangenen Jahren und zeigte mehrere naturnah gestaltete Standorte entlang der Schulestraße und rund um die Musik-Mittelschule Lamprechtshausen. Sie betonte dabei, die Notwendigkeit zu viele Überzeugungsarbeit nicht nur bei den Gemeindebediensteten, sondern auch bei den Bürger:innen selbst. Ist die erste Skepsis aber erst einmal überwunden, freuen sich die Mitarbeiter:innen über die geringere Pflege durch seltenere Mahden und geringere Bewässerung und die Bürger:innen über „ihr“ Stück Natur.

Bürgermeisterin Andrea Pabinger führt durch das naturnahe Lamprechtshausen; Bildnachweis: RFA
Maßnahmen rund um die MMS Lamprechtshausen; Bildnachweis: RFA

Wieder zurück im Sitzungssaal der Gemeinde Lamprechtshausen präsentierte Christoph Neuer, Landschaftsgärtner der Gemeinde Saaldorf-Surheim das große Engagement in punkto Biodiversität seiner bayerischen Gemeinde. Sein Credo dabei: Mut zur Wildnis, zB in Form von artenreichen Blühwiesen. In Saaldorf-Surheim setzt man ebenso auf eine deutliche Extensivierung der Grünflächenpflege, die zu einer Zunahme der Artenvielfalt geführt hat. Dabei wird im Besonderen auf eine insektenschonende Pflege geachtet. Der Mähzyklus wurde radikal verringert, der Mahdzeitpunkt angepasst und es wird auf eine hohe Schnitthöhe geachtet. Dem Mulchen wird zudem in Saaldorf-Surheim eine Absage erteilt. Das Mähgut erhält ein Saaldorfer Schäfer. Mittlerweile konnten bereits selbst geerntete Wiesensamen ausgesät und selbst vorgezogene Wildstauden eingesetzt werden. Wie breit die Möglichkeiten der Gemeinde sind Naturnähe aktiv zu fördern schilderte Neuer weiter:  extensive Dachbegrünungen, Jahrgangsbäume mit Volksschulklassen, Obstbäume „markiert mit gelbem Band“ bei denen jeder kostenlos ernten kann.  Es gibt viel zu tun!

Förderungen und Unterstützungen in Bayern und Österreich

Um die Gemeinden bei diesen vielfältigen Maßnahmen zu mehr Biodiversität zu unterstützen, gibt es zahlreiche Förderungen sowie Unterstützungs- und Vernetzungsmöglichkeiten.

In Salzburg bietet das Programm „Natur in der Gemeinde“ für teilnehmende Gemeinden aus dem Bundesland Salzburg einen kostenfreien dreijährigen Begleitprozess in vier Phasen: In der ersten Phase informiert sich die Gemeinde, entscheidet ob sie teilnehmen möchte, bewirbt sich online und trifft einen Gemeindevertretungsbeschluss. Erhält die Gemeinde die Zusage zum Beitritt in das „Natur in der Gemeinde“-Netzwerk startet Schritt zwei mit einem Biodiversitätscheck und der Sichtung der Gemeindeflächen. Auf Basis dieses Checks werden dann erste Ziele definiert. Der dritte Schritt stellt die Planung der Maßnahmen in der Gemeinde mit zB dem Bauhof und den lokalen Akteuren sowie die Umsetzung dar. Im vierten Schritt werden die Maßnnahmen einer Evaluierung zugeführt, um dann die Ergebnisse in einen „Standard“-Betrieb zu überführen. In den drei Projektjahren wird die gemeinde durch Mitarbeiter:innen drei bis fünfmal pro Jahr besucht. Das Programm bietet zudem Ansprechpersonen für Fragen rund um Biodiversität, Fortbildungen für Bauhofpersonal, Vernetzung mit anderen Projekten und die Bereitstellung von Unterlagen. Gefördert werden bis zu max. 80 % der Gesamtkosten der Umsetzungsmaßnahmen. Pro Gemeinde ist die Förderung auf € 5.000,-/Projektjahr begrenzt. Aktuell sind 20 Projektgemeinden aus dem Salzburger Land dabei.

Im Berchtesgadener Land bietet der Landschaftspflegeverband Biosphärenregion Berchtesgadener Land e.V. eine Vielzahl an Unterstützungsmöglichkeiten. Diese stellte Geschäftsführerin Susanne Thomas vor. Kernaufgabe des Landschaftspflegeverbands ist die Biotoppflege u.a. mit der Entbuschung und Mahd von artenreichen Nass- und Trockenwiesen, der Pflege von Magerrasen, der fachgerechten Pflege von Feldhecken und Gewässerrändern und der Anlage und erhalt von Tümpeln, Streuobstwiesen und artenreichen Wiesen. Die Gemeinden können Leistungen bspw. über die Landschaftspflege- und Naturparkrichtlinie (LNPR) abrufen

Weitere Fördermöglichkeiten im LEADER-Programm oder seitens des österreichischen Klimaschutzministeriums (Förderung für klimafitte Ortskerne) wurden im Anschluss durch Cathrine Maislinger und Andreas Van-Hametner vorgestellt.

Take Home Messages

  • Pflegeumstellung ist einfach und zeitsparend
  • Jeder Mosaikstein Natur zählt
  • Naturnahe Gestaltung braucht viel Kommunikation und Geduld
  • Auch kleine Maßnahmen können Wirkung entfalten

Downloads