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Produzierende Wirtschaft

Vom Green Deal zum Clean Industrial Deal. Wie wir mit Kreislaufwirtschaft unsere Wirtschaft entwickeln.

Im Zentrum dieser Paneldiskussion stand die Frage, wie der Übergang vom European Green Deal hin zu einem „Clean Industrial Deal“ gelingen kann – und wie Kreislaufwirtschaft zur Grundlage einer zukunftssicheren Wirtschaftsstrategie werden kann. Die vier Panelist:innen diskutierten konkrete Herausforderungen und Chancen für eine resiliente und wettbewerbsfähige Industriepolitik.

Kreislaufwirtschaft als gelebte Unternehmensstrategie

Timothy Glaz, Leiter Corporate Affairs bei Werner & Mertz, verdeutlichte, dass Kreislaufwirtschaft nicht als nachgelagerter Aspekt der Produktion verstanden werden dürfe, sondern als integraler Bestandteil unternehmerischer Strategie. Das Traditionsunternehmen setze auf ganzheitliche Nachhaltigkeit – von der Produktrezeptur über die Verpackung bis hin zur 100 % erneuerbaren Energieversorgung. Besonders hob Glaz den frühzeitigen Einsatz hochwertiger Rezyklate aus der haushaltsnahen Sammlung hervor. Damit positioniere sich Werner & Mertz als Vorreiter im Kunststoffkreislauf – und setze zudem sowohl im technischen als auch im biologischen Kreislauf Maßstäbe. Entscheidend sei, entlang der gesamten Wertschöpfungskette einheitliche Maßstäbe anzulegen. 

Rahmenbedingungen schaffen –Unternehmen begleiten

Aus Sicht von Thomas Fischer (Wirtschaftskammer Österreich) stellt Kreislaufwirtschaft ein zentrales Handlungsfeld für die Mitgliedsbetriebe dar. Die WKO arbeite aktiv daran, entsprechende Strukturen in Interessenvertretung, Bildung und Service zu verankern. Ziel sei es, rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass der Einsatz von Sekundärrohstoffen erleichtert werde. Mit praxisnahen Webinaren, Förderberatungen und individueller Begleitung unterstützt die Kammer Unternehmen bei der Umsetzung ressourcenschonender Maßnahmen. 

Glasrecycling als Vorbild

Eva Koller, Geschäftsführerin von Austria Glas Recycling, stellte das Glasrecyclingsystem als Best-Practice-Beispiel der Kreislaufwirtschaft vor. Entscheidend für den Erfolg sei die klare Kommunikation mit der Bevölkerung sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Wirtschaft. Durch kurze Transportwege und das Näheprinzip werde die Umweltbelastung zusätzlich reduziert. Neben einer funktionierenden Logistik sei die Marktfähigkeit von Sekundärrohstoffen – also deren Qualität, Quantität und Preis – essenziell, um eine funktionierende Kreislaufwirtschaft auch ökonomisch abzusichern.  

Industriepolitik auf dem Prüfstand

Nicole Geischläger vom Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus verwies auf die derzeit in Ausarbeitung befindliche Industriestrategie der Bundesregierung. Ziel sei es, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu sichern, Innovationen zu fördern und Arbeitsplätze langfristig zu erhalten. Besondere Bedeutung komme dabei der Resilienz gegenüber geopolitischen Abhängigkeiten und der Sicherung kritischer Rohstoffe zu. Der europäische Clean Industrial Deal könne hierfür ebenfalls ein zentrales Instrument sein – vorausgesetzt, er werde mit ausreichender finanzieller Ausstattung sowie beihilferechtlichen Vereinfachungen auf europäischer Ebene flankiert. 

Spiegelregelungen und regulatorische Fairness

In der Diskussion um konkrete Maßnahmen sprach sich Timothy Glaz für sogenannte „Mirror Clauses“ – also regulatorische Spiegelregelungen – für importierte Kunststoffrezyklate aus. Rezyklate aus Drittstaaten seien häufig nicht mit europäischen Standards vergleichbar, was zu Wettbewerbsverzerrungen und schwer kontrollierbaren Risiken führe. Eine glaubwürdige Kreislaufwirtschaft erfordere daher einheitliche Regelungen, die für alle Marktteilnehmer gelten – unabhängig vom Herkunftsland des Materials. Der Clean Industrial Deal müsse diese Kontrollen verlässlich absichern, auch wenn damit ein erhöhter administrativer Aufwand verbunden sei. Entscheidend sei, dass falsch deklarierte oder minderwertige Rezyklate nicht unkontrolliert auf den europäischen Markt gelangen. Nur unter fairen Bedingungen könne der Aufbau einer hochwertigen Kreislaufwirtschaft in Österreich gelingen. 

Potenziale und Lücken im Kunststoffkreislauf

Eva Koller betonte, dass Österreich bei Glas und Papier seit Jahrzehnten erfolgreich eine funktionierende Kreislaufwirtschaft etabliert habe. Die Industrie werde hier verlässlich mit hochwertigen Sekundärrohstoffen versorgt. Im Kunststoffbereich hingegen bestehe noch erheblicher Aufholbedarf – insbesondere vor dem Hintergrund der neuen EU-Verpackungsverordnung, die den Einsatz von Rezyklaten verbindlich vorschreibt. Um diese Anforderungen künftig mit heimischen Materialien zu erfüllen, investiert die ARA gezielt in Infrastruktur und Innovation. Mit der Eröffnung der europaweit modernsten Sortieranlage – 100.000 Tonnen Jahresdurchsatz, 20 Fraktionen, über 80 % Sortiertiefe – sei ein zentraler Fortschritt gelungen. Zusätzlich ermögliche eine neue Upcycling-Anlage die Rückgewinnung stark verschmutzter Kunststoffe für hochwertiges mechanisches oder chemisches Recycling. Parallel unterstützt die ARA Unternehmen bei der Verbesserung der Recyclingfähigkeit ihrer Verpackungen und fördert durch gezielte F&E-Investitionen den Rezyklateinsatz im Markt. 

Geopolitische Abhängigkeiten reduzieren

Thomas Fischer unterstrich, dass Österreich mit seinen innovativen Unternehmen im internationalen Wettbewerb gut positioniert sei. Der Clean Industrial Deal könne dabei eine wichtige Rolle spielen – entscheidend sei jedoch, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Gerade bei kritischen Rohstoffen müsse künftig stärker auf Diversifikation geachtet werden. Viele dieser Rohmaterialien seien in neuen Förderländern – etwa in Südamerika oder Südafrika – zu finden. Es gelte, sich nicht erneut in einseitige Abhängigkeiten zu begeben. Nur in einem starken europäischen Verbund könne eine strategische Rohstoffsicherung gelingen. Der Green Industrial Deal sei ein richtiger und notwendiger Schritt – müsse aber noch konsequent auf den richtigen Weg gebracht werden.

Take-Home-Messages
  • Kreislaufwirtschaft ist ein industriepolitischer Schlüssel zur Dekarbonisierung, Rohstoffsicherheit und wirtschaftlichen Resilienz. 

  • Ganzheitliche Unternehmensstrategien und marktfähige Sekundärrohstoffe sind zentrale Bausteine funktionierender Kreisläufe.

  • Eine koordinierte europäische Politik mit klaren Regelungen und gezielter Förderung ist notwendig, um Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gemeinsam voranzubringen. 

Weiterführende Informationen
  • Dieser Text fasst eine Paneldiskussion mit Timothy Glaz (Leiter Corporate Affairs, Werner & Mertz), Thomas Fischer (Wirtschaftskammer Österreich), Eva Koller (Geschäftsführerin Austria Glas Recycling) und Nicole Geischläger (Abteilung Ansiedlungen und Unternehmensservice, Industriepolitik, BMWET) zusammen, die im Rahmen des Sechsten Nationalen Ressourcenforums im Mai 2025 in Salzburg stattfand. Weitere Informationen zum Sechsten Nationalen Ressourcenforum finden Sie hier.

(01.12.2025)

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