Webinarbericht | Kreislaufwirtschaft am Bau. Die Rolle der Gemeinden. | RessourcenRegionEUREGIO+

Kommunale Möglichkeiten zum Schließen von Stoffkreisläufen

Die Bauwirtschaft ist global einer der größten Ressourcenverbraucher und ein besonders relevanter Bereich im Abfallaufkommen unserer Gesellschaft. Ressourcenschonendes Planen und Bauen sind deshalb eine Notwendigkeit bei der Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft.

Bauwirtschaft ist global einer der größten Ressourcenverbraucher; Quelle: Pixabay

Gemeinden können sowohl bei Bau, Umbau und Sanierung von Altbestand als auch beim Abbruch als Bauherr direkten Einfluss nehmen, sowie auch indirekt über die Vorbildwirkung für private Bauherrn. Im vierten Webinar des Projekts RessourcenRegionEUREGIO+ von EUREGIO Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein und Ressourcen Forum Austria (gefördert durch das EU-Programm Interreg VA Österreich/Bayern 2014-2020), in welchem die Rolle der Gemeinden bei der Transformation zu einer Kreislaufwirtschaft beleuchtet wird, drehte sich diesmal alles um das Thema Bauen. Die Vortragenden mit Expertise aus Forschung, Planung und Praxis zeigten auf, welche Ansätze schon gelebt werden, welche Erfahrungen dabei gewonnen wurden und welche Werkzeuge dafür schon jetzt zur Verfügung stehen.

Zirkulär bauen heißt zukunftsfähig sein

Christine Ruiz Duran, Projektleiterin für zirkuläres Bauen bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zeigte zu Beginn eindrucksvoll auf, dass der Bau global für etwa ein Drittel des Ressourcenverbrauchs verantwortlich ist und die Bauindustrie zu einem Drittel zu den globalen Treibhausgas-Emissionen beiträgt. In Deutschland und anderen Ländern Europas liegt der Anteil der für Baustoffe entnommenen Rohstoffe sogar bei ca. 50 % – mit steigender Tendenz. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gibt es 5 wirksame Ansatzpunkte:

  1. Bestand erhalten
  2. Gebäudebestand als Rohstoffquelle verstehen
  3. Kreisläufe im Rückbau schließen
  4. Wiederverwenden und Recyclingmaterialien einsetzen
  5. Kreislauffähigkeit umsetzen

Zunächst einmal ist der Gebäudebestand möglichst zu erhalten und der Rückbau als letzte Option zu betrachten. Ist der Gebäudebestand nicht zu erhalten, so ist er allerdings als Rohstoffquelle (Stichwort urban mining) zu verstehen. Denn alleine im deutschen Gebäudebestand verbergen sich 52 Mrd. Tonnen wertvoller (Sekundär)rohstoffe mit einem geschätzten Wert von € 1.300 Mrd! Mit beständiger Aufklärung muss Akzeptanz für die Rohstoffverwertung geschaffen werden. Neue Akteure, die bei der Bestandserfassung und Materialvermittlung unterstützen, vernetzen sich verstärkt mit Planern, Herstellern und Bauherren. Ein Beispiel für diese Bauteilbörsen- und Plattformen ist zum Beispiel Concular.

Kreisläufe schließen

Abfall soll also am Bau gar nicht erst entstehen. Für den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen sowohl bei zukünftigen Gebäuden als auch bei heutigen Rückbauten stellen sich folgende Fragen: Welche Materialwerte gibt es im Gebäude, welche Massen werden dann wohin transportiert, welche Gefahrenstoffe sind herauszufiltern? Ganz wichtig ist für Christine Ruiz Duran, dass auch die betroffenen Menschen als Anwohner und Mitarbeiter mit einbezogen werden und der Werterhalt von allen Akteuren als eine neue Baukultur verstanden wird. Wesentliche Akzente kann hierbei die Kommune setzen, indem sie eigene Ausschreibungen entsprechend gestaltet, die Verwendung von Recyclingmaterialien verlangt, somit eine Vorreiterrolle einnimmt und dadurch Vorbehalte gegenüber Recyclingmaterialien abbaut. Wenn nur ein Neubau in Frage kommt, gibt es folgende Punkte zu beachten: Das Material muss so gewählt werden, dass Verbundmaterialien und Schadstoffe vermieden werden. Das Projekt ist ganzheitlich zu betrachten – vom Beginn bis zum Lebensende des Gebäudes – und für eine lange und effiziente Nutzung auszurichten. Um- und Rückbau müssen bereits in der Planungsphase mitgedacht und Informationen dafür transparent vorgehalten werden.

Kleine Schritte statt Perfektion

In der Zukunft gilt es Gebäude mit Mehrwert für Menschen und deren Lebensgrundlagen zu schaffen. Zirkularität in der Bau- und Immobilienwirtschaft bietet dafür eine Grundlage mit folgenden Potenzialen:

  • Ökologisch: reduzierte Emissionen, Ressourcen-, Energie- und Flächenverbräuche sowie weniger Abfall
  • Ökonomisch: Unabhängigkeit von Importen und Preisschwankungen, geringere Entsorgungskosten, starke lokale Wertschöpfung und Innovationspotenzial
  • Soziokulturell: Sozial gerechtere Verteilung der Ressourcen, größere Identifikation mit dem Bestehenden, neue Baukultur und Arbeitsplätze vor Ort

Viel wichtiger, als Perfektion in allen diesen Bereichen anzustreben, ist es gemäß Ruiz Duran aber, überhaupt einmal kleine Schritte zu setzen, sich zu informieren, zu kooperieren und auch zu experimentieren. Für die konkrete Umsetzungshilfe entwickelte die DGNB verschiedene Instrumente wie eine Toolbox und Checklisten für die Praxis.

Das Cradle-to-Cradle Feuerwehrhaus in Straubenhardt

Ingmar Menzer, geschäftsführender Gesellschafter von Wulf Architekten in Baden-Württemberg stellte als zweiter Referentdann ein kommunales Projekt vor, bei welchem die Prinzipen der Kreislaufwirtschaft (hier konkret in der Form der Zertifizierung Cradle-to-Cradle) bereits in der Planung mitgedacht wurden. Herr Menzer betreut unter anderem die Gemeinde Straubenhardt, eine Gemeinde mit über 10.000 Einwohnern in der Nähe von Pforzheim, und damit auch den Bau des neuen Feuerwehrhauses dort. Die Grundanforderung war, anstatt der bisherigen Feuerwehrhäuser in den sechs Ortsteilen ein zentrales neues Feuerwehrhaus zu errichten, von dem aus die Gemeindeteile rasch erreicht werden können. Ziel war dabei einen möglichst geringen Fußabdruck zu hinterlassen und schon bei der Materialwahl darauf zu achten, wie der Bau am Lebensende rückgebaut werden kann – das Feuerwehrhaus also auch als „Rohstoffspeicher“ für zukünfitge Aufgaben zu begreifen. Das Erdgeschoß wurde aufgrund der Hanglage des Grundstücks mit einem massiven Betonsockel in den Hang hineingebaut. Hier befinden sich alle notwendigen Infrastrukturen für einen Einsatz. Das obere Stockwerk wurde in Holzbauweise errichtet, steht auf Stelzen und beinhaltet Gemeinschafts- und Seminarräume. Bei den Holzelementen wurde auf Schraubverbindungen gesetzt, da diese leichter trennbar sind. Verbundwerktstoffe wurden so gut wie möglich vermieden. Die freien Flächen zwischen dem Erdgeschoß und dem Obergeschoß werden sowohl als überdachte Park- als auch als Übungsflächen verwendet. Bei allen technischen Systemen wurde darauf geachtet, dass diese – nach Ablauf ihrer jeweiligen Lebensdauer – ohne größere Demontagen für einen Austausch ausgebaut werden können. Als schwierig erwies sich dennoch, schadstoffarme bzw. -freie Materialien und Recyclingmaterial zu finden, das im Sinne kurzer Wege aus der Region bezogen werden kann. Beispielsweise konnte keine regionales Betonwerk passenden RC-Beton liefern.Zudem gibt es nicht für alle Produkte und Komponenten bereits C2C-fähige Äquivalenten. Doch der Markt entwickelt sich und neue Produkte füllen allmählich diese Lücke. Besondere Herausforderung stellten dabei auch die Anforderungen an nicht-brennbare Materialien. Das Team um Ingmar Menzer, das zu Beginn selbst keine Erfahrung mit zirkulärem Bauen hatte, griffen bei Ihren Planungen auch auf beratende Fachplaner und Berater zu Circular Economy  zurück. Succus: Es muss nicht unbedingt neu und anders gebaut werden. Es muss nur intelligenter geplant werden. Zudem braucht es nicht nur Bewusstsein und Wissen bei Planern und Architekten, sondern auch bei Bauherrn, ausführenden Firmen und vor allem den Nutzern. Ein erfolgreiches Bauen im Sinne von Cradle-to-Cradle erfordert eine umfangreiche Dokumentation (Ein Circularity Passport eines Gebäudes umfasst bspw. Bauteilanalysen, Bauteilkataloge inklusive Bewertungen und Materialdeklarationen). Nur wenn man weiß, wie viele Tonnen Beton, Stahl oder Holz sich in einem Gebäude befinden, kann man auch errechnen, was das Gebäude wert ist. Durch die Summe der Maßnahmen konnte dieser Bau in den Bereichen der Materialgesundheit und -verwertung, der Trennbarkeit und der Demontierbarkeit deutlich besser abschneiden als konventionelle Projekte.

Der Bauträger als Kreislaufwirtschafts-Dienstleister

Die Salzburg Wohnbau, vertreten durch Herrn Thomas Maierhofer, ist im Bundesland Salzburg schon seit vielen Jahren sowohl Partner der Gemeinden in kommunalen Zweckbauten als auch Bauträger und Dienstleister im Wohnungsbau. Als Bauträger ist Salzburg Wohnbau zunehmend mit dem Bestandsgebäuden auf angekauften Grundstücken beschäftigt. Bislang war der möglichst rasche Abbruch das Ziel, doch mittlerweile hat sich das Bewusstsein gewandelt. Deshalb nutzte man die ruhigere Zeit im ersten Coronajahr, um Forschungsprojekte in der Kreislaufwirtschaft im Hochbau zu forcieren. Aktuell widmet man sich intensiv fragen des Betonrecyclings. Das Thema Altholz soll später angegangen werden. Wissenschaftlich wird Salzburg Wohnbau von Fachhochschule und Universität in Salzburg unterstützt. Weiters unterstützen mit Praxiswissen die Bautechnische Versuchs- und Forschungsanstalt, Deisl Beton und Baumeister Steiner zur Seite. Im Projekt CiCo – Circular Concrete, wurden drei Bauten in der Grundlagen- und Anwendungsforschung unterstützt. Ziel des Projekts ist es Hochbaubeton nicht mehr nur im Straßenbau einzusetzen und damit „down“ zu „cyclen“, sondern wieder für Hochbauten einzusetzen. In der Salzburger Gemeinde Schwarzach wurde bspw. ein altes Forsthaus rückgebaut. Der Abbruch war sehr hochwertig und so konnte ein normativer Anteil von 39 % Recyclingmaterial im Neubau (Wohnhaus mit 28 Einheiten) erzielt werden. In Anif wird gerade die Volksschule neu errichtet und dabei RC-Beton aus dem Abbruch für die Betondecke eingesetzt. Es wurden die Richtlinien der nachhaltigen Beschaffung berücksichtigt und die Geschoßdecken mit Recyclingbeton hergestellt. In Golling wurde das alte Seniorenwohnhaus abgerissen, da sich nach einer umfassenden Schad- und Störstoffanalyse herausstellte, dass der Bestand für eine Wiederverwendung nicht geeignet ist. Doch wurden auch hier neue Wege beschritten.

Einzug der Digitalisierung

Kreislaufwirtschaft im Bau lässt sich nicht ohne entsprechende Digitalisierung erzielen. Die Planungsmodule der BIM (building information modelling) – wurden in der Salzburg Wohnbau standardisiert. Mit dem 3D-Drucker werden die Modelle gefertigt. Ein eigenes Labor für die Entwicklungsarbeit wurde geschaffen. In einem weiteren Schritt wird eine umfangreiche Datenbank für die Rohstoffe am Bau erstellt, denn nur so kann genau geplant werden, wer welche Materialien in welcher Menge benötigt. Der intensive Wissenstransfer mit der Fachhochschule und Univevrsität schlägt schon weitere Wellen, indem das Thema Kreislaufwirtschaft am Bau vermehrt auch bei universitären Projekt- und Abschlussarbeiten Einzug hält.

Diskussion und Erfahrungsaustausch

In der abschließenden Diskussion wurde hervorgestrichen, dass es doch auch eine gute Portion Überzeugung braucht. Die Wirtschaftlichkeit des Bauens ist nach wie vor Voraussetzung, jedoch in den vorgestellten Projekten nicht das Leitmotiv. Für eine erfolgreiche Transformation ist eine ganzheitliche Betrachtung über den ganzen Lebenszyklus des Gebäudes nötig. Das beinhaltet nicht nur die Investitionskosten, sondern die Lebenszykluskosten, also auch den Mehrwert für Gemeinden, die an zukünftige Generationen denken. Nur die Kosten zu hinterfragen, greift zu kurz – in eine Planung müssen vor allem der Nutzen und die Rückbaukosten mit einbezogen werden. Markus Meissner vom BauKarussell in Wien wies darauf hin, dass eine einheitliche Verwendung der Begriffe unbedingt nötig ist, damit auch tatsächlich unterschieden wird zwischen Weiterverwendung und zB. Wiederverwertung. Das BauKarussell unterstützt Bauherren und Planer, damit Gebäudekomponenten auch tatsächlich wieder verwendet werden.

An der Kreislaufwirtschaft führt auch im Bauwesen kein Weg mehr vorbei. EU-Initiativen fördern diesen Umbau. Wer sich jetzt schon damit beschäftigt, der ist dann gut vorbereitet, wenn sich die Gesetze und Richtlinien ändern.

Take-home-messages:

  • Der Ressourcenverbrauch und das Abfallaufkommen im Baubereich steigen nach wie vor global.
  • Eine ganzheitliche Betrachtung der Gebäude für den Umbau zur Kreislaufwirtschaft ist daher dringend nötig.
  • Das Bauen muss nicht neu erfunden werden – es muss nur intelligenter geplant werden, welche Materialien zum Einsatz kommen sollen und vor allem, was am Lebensende des Gebäudes damit passieren soll.
  • Auch kleine Schritte führen zum Wandel.
  • Als Pionier in seinem Bereich muss man auch Experimente wagen, sich auf neue Erfahrungen einlassen und eine Portion Idealismus einbringen.

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