Webinarbericht | Material und Kosten einsparen im Handwerk

Ressourcen schonen und Material im Kreis führen       

Die Energiekosten sind aufgrund der aktuellen Preissteigerungen derzeit das meistdiskutierte Thema in Gewerbe und Handwerk. Dabei wird oft vergessen, dass in den meisten Branchen die Materialkosten den größten Kostenblock darstellen und auch hier zuletzt die Materialpreise durch die Decke gingen. Ressourceneffizientes Wirtschaften – beispielsweise durch Materialeinsparungen, optimierte Prozesse oder Reststoff-Wiederverwendung  – ist deshalb gerade in Zeiten von Materialknappheiten, Preissteigerungen und natürlich auch der Klimakrise immer wichtiger. In diesem Webinar Anfang November 2022 gaben Expert:innen und Praktiker:innen einen Blick in die unternehmerische Praxis des Materialeinsparens von Betrieben aus unterschiedlichen Branchen und diskutierten, welche branchenübergreifenden, aber auch branchenspezifischen Maßnahmen zu Materialeinsparungen führen können.

Das Webinar organisiert durch das Ressourcen Forum Austria war Teil der “Webinarreihe zur Förderung von Kreislaufwirtschaftsaktivitäten in Österreichs Produktionsbetrieben“, finanziert durch das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie. Kooperationspartner waren die Bundessparte Gewerbe & Handwerk der Wirtschaftskammer Österreich, das Ressourceneffizienz-Zentrum Bayern, das Wirtschaftsservice Berchtesgadener Land sowie STENUM.

Potenziale zum Materialeinsparen im Handwerk

Andreas Van-Hametner, Ressourcen Forum Austria betonte einführend die ökologischen und wirtschaftliche Notwendigkeiten zu einer generellen Ressourcenwende und zeigte anhand der Kostenstruktur im Handwerk auf, dass auch hier die Materialkostenanteile weit über den Energiekostenanteilen liegen.

Marie Mehrens Raizner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am bayrischen Ressourceneffizienz-Zentrum ging dann ins Detail und zeigte mit Hilfe der Studie „Ressourceneffizienz im bayerischen Handwerk. Potenziale zum Materialeinsparen“ die Möglichkeiten zu Einsparungen auf. Im Rahmen der Studie wurde in Bayern der Materialkostenanteil von acht Gewerken über eine Befragung erhoben und auf Basis dessen die Ressourceneffizienzpotenziale analysiert. Die Studie kam zum Ergebnis, dass Ressourceneffizienz in allen untersuchten Gewerken eine wichtige Rolle spielt und Einsparmöglichkeiten gegeben sind. Die größten Einsparpotenziale wurden bei der Materialauswahl und bei der Wiederverwendung oder -verwertung von Reststoffen gesehen. Interessanterweise hängt die Motivation zur Umsetzung von Maßnahmen anscheinend nicht von der Höhe der Materialkostenanteilen ab. Wichtige Motivatoren sind gemäß Studie Kundenanfragen, ein verbessertes Image, Kosteneinsparungen sowie die damit einhergehende erhöhte Wettbewerbsfähigkeit. Hindernisgründe für Materialeinsparungen sind die Einschätzung bereits ausgeschöpfter Einsparmöglichkeiten, vielfach fehlendes Fachpersonal und betriebsintern andere Prioritätensetzung. Marie Mehrens-Raizner ging dann auch noch detaillierter auf die Gewerke Metallbau und Zimmerer ein: Metallbauer sehen die größten Möglichkeiten zu Einsparungen im Transport und den Arbeitsabläufen, Zimmerer in der Lagerhaltung.

Beispiele aus der Praxis österreichischer Handwerks- und Gewerbebetriebe

Auf Basis des bayerischen Impulses stellten im Anschluss drei (nieder)österreichische Unternehmen ihren Umgang mit Materialeinsparung in der Praxis mit den Materialen Holz, Metall und feuerfesten Steinen vor.

  • Schinnerl Metallbau, ein Unternehmen aus Tulln, welches in der Fertigungstechnik, wie auch im Metall-/Stahlbau aktiv ist und sich dabei unter anderem im Fassaden- und Dachgeschossaubau, der Stahlkonstruktion, bis zu Herstellung von Toren, Wintergärten und Komponentenbau auszeichnet, berichtete als erstes von seinen Ansätzen ressourceneffizienten Wirtschaftens. Neben klassischer Schnittoptimierung in der Materialwirtschaft, bedarfsgerechtem Einkauf und Optimierungen bei der Auslastungssteuerung setzt man dort vor allem auf die Vorteile einer ressourcenschonenden Lagerhaltung und neuer Logistikprozesse. Vor einigen Jahre hat man eine neue Lagerhalle errichtet und setzt nun neben dem bereits digitalen Blechlager auch im Kleinteilebereich auf eine dynamische Lagerhaltung. Im Rahmen dieser Logistik 2.0, wie Petra Schinnerl, Prokuristin bei Schinnerl Metallbau, das Projekt nennt, werden sämtliche eingelagerten Kleinteile mit einem Strichcode gekennzeichnet und per digitaler Lagerverwaltung chaotisch im Hochregallager abgelegt. Teile, die von Baustellen zurückkommen, werden rückgebucht und wieder eingelagert. Durch diese wesentlich genauere Lagerhaltung haben sich sowohl die Logistikprozesse, als auch die Materialeinkäufe verbessert. Der Lagerbestand ist tagesaktuell und übersichtlich, langes Suchen entfällt, bestellt wird nur, was wirklich benötigt wird. Die Erfahrung von Schinnerl Metallbau zeigt, dass bei solchen Prozessen die Mitarbeiterakzeptanz ganz groß geschrieben werden muss. Nur wenn die Mitarbeiter:innen und ihre Kompetenzen in Entscheidungen integriert werden, kann ein Projekt reüssieren.
  • Holzbau Unfried aus Gars am Kamp ist vom Hausbau, über den Industrie- und Hallenbau bis zur Errichtung von Wintergärten, Pergolas und Carports aktiv und beschäftigte sich stark mit Niederenergie- und Passivbauweise. Auch im Holzbau sind die Mitarbeiter ein zentraler Faktor bei der Materialeinsparung. Gerhard Unfried führt deshalb regelmäßige Mitarbeiter:innengespräche, in denen er die Wertigkeit des Materials betont und sensibilisiert im Besonderen auch die eigenen Lehrlinge für das Thema Materialeinsparung. Die erhöhte Achtsamkeit selbst bei Kleinteilen und Bauchemie hat beispielsweise zu einem reduzierten Einsatz von Bauchemie von ca. 20% geführt. Zweites wichtiges Thema bei Holzbau Unfried ist die Materialauswahl, angetrieben durch die hohen Preissteigerungen der letzten Zeit. Durch angepasste Materialauswahl und entsprechend intensivierte Vorplanungen und -fertigungen konnten Material und Kosten eingespart werden. Als Beispiel nannte Gerhard Unfried den Einkauf von Sägeschnittholz in Standarddimensionen (welches selbst luftgetrocknet wird) statt teuren Konstruktionsvollholzes. Auch Holzwerkstoffplatten waren zuletzt besonders teuer oder gar nicht verfügbar. Auch hier stieg man auf andere Materialien um. Wo es geht, wird zudem auf die Wiederverwendung oder Verwertung von Reststoffen gesetzt. Verschnitt von verwendeten Putzträgerplatten wird geschreddert und als Ersatz von Zellulose zur Einblasdämmung verwendet. Dies ist zwar teurer, wird aus idealistischen Gründen aber trotzdem durchgeführt. Konstruktionsvollholz in Standardlängen weist bislang einen hohen Verschnittverlust auf. Gemeinsam mit weiteren Betrieben in der Region plant Unfried die kooperative Anschaffung einer Keilzinkenanlage, mit welcher die Restlängen wieder verbunden werden können. Hier zeigt sich die Sinnhaftigkeit betriebsübergreifender Ressourceneffizienzmaßnahmen.
  • Hafnermeister Günther Wittek aus Mistelbach errichtet Kachelöfen, Heizkamine, Küchenherde, offene Kamine und Ganzhausheizungen und damit Produkte mit hoher Lebensdauer. In seinem Betrieb, welcher mit dem österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet wurde, hat er sich schon vor 10 Jahren mit seinem so genannten „(UN)nachhaltigkeitsbericht“ Gedanken über Ansätze zum Materialsparen bei einem Hafner gemacht. Eingesetzte Materialien sind in seinem Betrieb vor allem Schamotte, daneben Stückholz und Holzpellets. Zur Erhöhung der Ressourceneffizienz in seinem Betrieb setzt Wittek zum einen auf Standardisierungsprozesse (Reduktion der Anzahl eingesetzter Artikel), Regionalisierung (man liefert nur selten außerhalb des Weinviertels), Resilienz durch Lagerhaltung sowie die Wiederverwendung von Verschnittteilen. Ursprünglich wurde auch bei Wittek mehr just-in-time bezogen, zur Reduktion von Fahrtkosten und Einlagerungsvorgängen und zur Erhöhung der Flexibilität hat man in der Vergangenheit einen hohen Lagerbestand aufgebaut. Dank diesem konnte man die letzten Krisen gut meistern. Zu entsorgende Schamotabfälle konnten außerdem deutlich reduziert werden. Aktuell sind etwa drei Prozent der Keramikmassen Verschnitt, welcher in die Grundplatten neuer Projekte eingearbeitet wird. Zur Reduktion von Lieferverpackungen sensibilisiert man die eigenen Lieferanten. Aktuell ist man auf der Suche nach Alternative zum Downcycling von Bauschutt aus Revitalisierungsprojekten, der bislang extern geschreddert und für den Straßenbau verwendet wird. All diese Maßnahmen werden maßgeblich von den Mitarbeiter:innen mitgetragen. Nachhaltigkeit, so Wittek, stellt bei der Mitarbeiterbindung einen Teil des Gesamtpakets dar, genauso wie der finanzierte Besuch aller Lehrlinge bei der Tanzschule Elmayer sowie eine Rückenschule.

Werkzeug zur Analyse eigener Potenziale

Im Anschluss stellte Johannes Fresner von STENUM mit dem Ressourcen Check ein kostenfreies Werkzeug vor, mit dem der eigene Betrieb nach Einsparungspotenzialen durchleuchtet werden kann. Dieses Checktool, welches im Auftrag des Klimaschutzministerium gemeinsam mit dem Ressourcen Forum Austria entwickelt wurde, steht allen Betrieben kostenfrei unter www.ressourcenforum.at/ressourcencheck zur Verfügung.

Diskussion und Erfahrungsaustausch

In der anschließenden Diskussion tauschten sich die Betriebe vor allem über die Erfahrungen mit unterschiedlichen Lagerkonzepten, der Frage des Images durch Nachhaltigkeit sowie die Motivation zu ressourcenschonendem Wirtschaften aus. Der erhöhten Resilienz und Flexibilität von hohen Lagerbeständen, steht die große Kapitalbindung sowie die gesamtwirtschaftliche Problemlage steigender Preise durch Hamsterkäufe gegenüber. Die Entscheidung sei immer eine Gratwanderung und sehr von den individuellen Prozessen und Kunden- und Projektstrukturen des Unternehmens abhängig, so das Fazit.

Die eingangs vorgestellte Studie kam zum Schluss, dass Image und gehobenes Ansehen der wichtigste Faktor für Ressourceneffizienzmaßnahmen sind. Dies wurde teilweise in Abrede gestellt, da sich nach wie vor viele Kunden nicht oder nur sehr untergeordnet für Nachhaltigkeit interessieren würden. Auch Mitarbeiter:innen würden das Engagement für Ressourcenschonung zwar schätzen, allein wäre es aber kein ausschlaggebender Grund, um einen Betrieb zu wählen.

Die zentralen unternehmerischen Motive, um sich ressourceneffizientem Wirtschaften zu verschreiben sind aber, einerseits die intrinsische Motivation, aus Verantwortung und Überzeugung zu handeln, und andererseits – trotz aller ökologischer Notwendigkeit – auch die wirtschaftliche Vorteile von Materialeinsparungen.

Take Home Messages

  • In den meisten Branchen sind Materialkosten größter Kostenblock
  • Auch im Handwerk gibt es in allen Branchen Potenziale zur Materialeinsparung
  • Ressourceneffizienz ist mit Digitalisierung eng verknüpft
  • Großes Potenzial bei Materialauswahl, Wiederverwendung und Verwertung von Reststoffen
  • Hindernisse: (vermeintlich) ausgeschöpftes Einsparpotenzial und Fachkräftemangel
  • Je nach Branche differenzierte Möglichkeiten zur Materialeinsparung; überall aber Mitarbeitereinbindung (vor allem Lehrlinge) zentral!
  • Verbessertes Image zwar wichtig, zentral aber unternehmerische Verantwortung und Kosteneinsparung