Webinarbericht | Reuse- und Repair-Maßnahmen in Gemeinde und Region | Projekt RessourcenRegionEUREGIO+

Aktuell steckt die Kreislaufwirtschaft in Österreich und Deutschland noch in den Kinderschuhen – nur ein Zehntel aller Stoffe wird tatsächlich recycelt und im Kreis geführt. Das soll sich in Zukunft ändern, forderte Andreas Van-Hametner, Geschäftsführer des Ressourcen Forum Austria in seiner Begrüßung und skizzierte die zukünftige Zielvorstellung: In einer Kreislaufwirtschaft entwickle sich die Abfallwirtschaft zunehmend von der umweltschonenden Entsorgung von Abfällen, zu einem System, welches Gegenstände und Materialen unterschiedlicher Fraktionen der Wiederverwendung, Reparatur, Aufbereitung oder erneuten stofflichen Verwertung zuführt und der Gesellschaft und dem Wirtschaftskreislauf wieder als Ressource bereitstellt. Wie dieser Prozess durch Reuse- und Repair-Maßnahmen in Gemeinde und Region wesentlich unterstützt werden kann, war Thema eines Webinars am 9. September 2021 im Rahmen des Projekts RessourcenRegionEUREGIO+ von EUREGIO Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein und Ressourcen Forum Austria (gefördert durch das EU-Programm Interreg VA Österreich/Bayern 2014-2020). Steffen Rubach schloss sich den begrüßenden Worten an und stellte als Geschäftsführer die EUREGIO Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein vor. Seit 1995 ist sie Plattform und Motor für die grenzüberschreitende Vernetzung und Zusammenarbeit für die Entwicklung der Region. Aktuell erarbeitet die EUREGIO eine Grenzraumstrategie , die sich auch mit den Themen Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung beschäftigt.

Auf dem Weg zu einer Circular Society

Werner Bauer zitierte zu Beginn seines Impulsreferats Kofi Annan, den ehemaligen UN-Generalsekretär mit folgenden Worten: „Die Ziele sind global, aber erreichen können wir sie nur durch Wirken auf kommunaler Ebene.“ Diese Aussage hat nach wie vor Gültigkeit, aber leider sind sich die Gemeinden in ihrer Summe deren Bedeutung nicht bewusst, so Bauer. Zudem stellt die herrschende europäische und nationale Form Kreislaufwirtschaft zu denken, die Wettbewerbsfähigkeit in den Vordergrund und die Wirtschaftsform nicht infrage. Für Werner Bauer ist aber nicht eine kreislauffähige Wirtschaft, sondern eine kreislauffähige Gesellschaft das Ziel. Dabei verweist er in seinen Ausführungen auf Publikationen der Hans-Sauer-Stiftung, die sich intensiv mit dem Thema befasst hat. Klar ist für Bauer, dass wir die Transformation von einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaft brauchen. Diese ist zwar eine vielversprechende, dennoch aber laut Bauer eine unzureichende Nachhaltigkeitsstrategie und vergisst auf die Einbettung der Wirtschaft in den Rahmen von Gesellschaft und Umwelt. Lieferketten werden beispielsweise nur bis zum Verkauf diskutiert, was danach auf Entsorgungsebene geschieht, wird geflissentlich übergangen. Hochwertiges Verwerten sollte der Gesellschaft aber etwas wert sein. Auf kommunaler bzw. regionaler Bene bedeutet dies, dass es einerseits Änderungen bei Infrastrukturen und Organisation (Stichwort Entnahmeverbot), andererseits aber genauso Motivation und Bewusstseinsbildung für die Bürger braucht. Und es braucht die Überzeugung, dass Circular Economy mehr Lebensqualität und auch soziale Gerechtigkeit schafft.

Reuse und Repair im Regionalverband Salzburger Seenland

Gerhard Pausch vom Regionalverband Salzburger Seenland präsentierte dann praxisnah die langjährige Erfahrung seiner Organisation im Ausrichten von Repair-Cafés und Reuse-Möglichkeiten. Seit über sechs Jahren werden Repair-Cafés im Seenland angeboten, auf denen jeweils bis zu 150 Gegenstände ein neues Leben erhalten. 10 bis 15 ehrenamtliche Reparateure mit den unterschiedlichsten Berufen schrauben, schweißen, leimen, nähen und erklären dort. Der Andrang ist groß, daher ist ein Reglement wichtig. An jedem Reparaturtisch darf immer nur ein Besucher stehen. Die Reparaturen werden erklärt, es erfolgt eine Hilfe (Anleitung) zur Selbsthilfe. Repariert wird nur, was zumindest alleine getragen werden kann, Elektrogroßgeräte fallen nicht darunter. Auch die Wiederverwendung (Reuse) wird im Salzburger Seenland als wichtiges Ziel verfolgt. Mit dem Partner Caritas organisiert man jährlich 10 Termine um Sammelware entgegenzunehmen. Die Mitarbeiter des ASZ unterstützen bei der Logistik, Ankündigungen erfolgen in Gemeindemedien. Der Großteil der Ware kann in den Verkaufsshops der Caritas, den Carla-Läden, erfolgen, manches findet Verwendung in der Nothilfe und der Flüchtlingshilfe. Die Carla-Läden verstehen sich als sozialökonomisches Projekt, bei dem jeder einkaufen kann. Finanziell Schwache erhalten Sonderkonditionen.

Reuse und Repair im Berchtesgadener Land

Im Landkreis Berchtesgadener Land mit seinen 15 Gemeinden und etwa 106.000 Einwohnern sei das Potential für Reuse- und Repair ebenso hoch, meint im dritten Beitrag Thomas Hartenberger, Fachbereichsleiter für kommunale Abfallwirtschaft im Landratsamt. Neben der klassischen Rohstoffgewinnung durch Recycling mit einer Mischung aus Hol- und Bringsystem zielt man auch im Berchtesgadener Land auf das Ziel der Abfallvermeidung. Aktuell gibt für dafür ein private organisiertes Repaircafé , welches allerdings Problemen durch die COVID-19-Pandemie ausgesetzt war, ein Reparaturnetzwerk sowie einen Verschenkmarkt. Ganz wichtig ist laut Herrn Hartenberger zudem immer (noch) Abfallberatung und Öffentlichkeitsarbeit für das Thema. Ein Problem im Landkreis sind die historisch gewachsenen Strukturen vieler kleiner Wertstoffhöfe die zwischen 300 und 1500m² groß sind, die notwendige Ausbaumaßnahmen behindern. Seit einiger Zeit bemüht man sich im Landkreis deshalb, die Strukturen zu reorganisieren und dadurch die Sammelqualitäten auszubauen. Dies wird möglicherweise in einer stärkeren Zentralisierung bestimmter Services münden. Für die Zukunft stehen zudem noch folgende Punkte auf der Todo-Liste: den Verschenkmarkt sowie das Reparaturservice ausbauen, intensivierte Abfallberatung und Öffentlichkeitsarbeit, eine gezielte Sperrmüllsammlung sowie die Beschäftigung mit der aktuell in Ausarbeitung befindlichen Re-Use-Potential-Studie.

Re-Use Potenziale und Szenarien zur Umsetzung

Im abschließenden Beitrag stellten Cathrine Maislinger vom Regionalverband Flachgau Nord als Auftraggeberin sowie Markus Meissner von pulswerk als Auftragnehmer eben jene Untersuchung über die grenzüberschreitenden Potentiale für Re-Use in den Landkriesen Traunstein und Berchtesgadener Land, sowie im nordöstlichen Flachgau, sowie die Entwicklung von Szenarien zur Umsetzung vor. Zentrale Fragen dabei waren: Welche Strukturen brauchen Re-Use und Repair? Wie können bestehende Re-Use-Angebote rechtskonform gestaltet werden? Neben einer umfassenden Literatur- und Projektrecherche bildet eine durchgeführte Stichprobe den Kern der Potentialanalyse. Markus Meissner stellte die ersten Ergebnisse der Stichproben-Untersuchung vor. Im Schnitt waren zwischen 10 und 12% der Eingänge leicht re-use-fähig. Weitere 5-7% der Einägnge waren mit Aufwand re-use-fähig. Alleine die 10% leicht re-use-fähigen Eingänge entsprächen etwa 5.3 kg je Einwohner pro Jahr. Doch dies ist ein Theoriewert und für ein erstes Umsetzungsszenario kann man (abgeleitet aus Literatur und Erfahrung) von einem realistischen Potential von 1 bis 2 kg je Einwohner pro Jahr ausgegangen werden so Meissner. Das Credo lautet dabei SUV! Sauber – unbeschädigt – vollständig. Markus Meissner stellt anschließend drei Szenarien vor, wie regions- und grenzüberschreitendes Re-Use verstärkt umgesetzt werden könnte. Sie unterscheiden sich dadurch, dass von der Sammlung über die Vorbereitung zur Wiederverwendung bis zum Verkauf entweder alle Bereiche gemeinsam in einem Netzwerk durchgeführt werden oder aber mehrere Partner sich diese Aufgaben teilen.

Szenarien für eine Umsetzung

  • gemeinsame Onlineplattform bestehender Angebote
  • Sammlung durch Verbände separat, Vorbereitung zur Wiederverwendung durch externe Partner sowie gemeinsame Dachmarke
  • Sammlung durch Verbände separat, Vorbeitung zur Wiederverwendung durch einen externen Partner, getrennte Verkaufsstandort unter gemeinsamer Marke

Der Fokus liegt auf folgenden Eckpunkten: welche Produktgruppen werden angenommen und angeboten, kann man eine gemeinsame Marke schaffen und organisiert man spezialisierte Kompetenzzentren? Große Herausforderungen bestehen in der Logistik: Die Sortierung der Waren und die Vorbereitung zur Wiederverwendung brauchen Platz und nehmen viele Wege in Anspruch. Dazu braucht es sowohl im Wertstoff-/Abfallsammelzentrum für die Mitarbeiter als auch für die Bürger einfache Richtlinien. Auch im Verkauf stellen sich viele Fragen: Preispolitik, Shopeinrichtung, Kassensystem sind zu klären. Die Öffentlichkeitsarbeit und die Bewusstseinsbildung stellen dann die letzte Herausforderung in der Kette dar. Der Mehrwert für Re-Use und Repair muss den zukünftigen Kunden klar ersichtlich gemacht werden. Re-Use funktioniert nicht von allein, hält er Herr Meissner abschließend fest. Unabhängig davon, welches Szenario sich als vorteilhafter erweist, muss irgendjemand als Motor und Kümmerer fungieren.

Take Home Messages

  • Kreislaufwirtschaft muss in Gesellschaft und Umwelt eingebettet sein. Circular Society kann Lebensqualität geschaffen.
  • Ein Repair-Café ist keine Dienstleistung, sondern soll Hilfe zur Selbsthilfe geben.
  • Eine erfolgreiche Re-Use Organisation braucht starke Partner in Wirtschaft und Verwaltung, um effizient zu sammeln und zu sortieren und effektiv zur Wiederverwendung vorzubereiten.
  • Abfälle vermeiden und Gegenstände weiterverwenden – um diese Ziele zu erreichen, braucht es neben Strukturen wie Repair-Cafés, Reparaturnetzwerke und Re-use-/Verschenkmärkte vor allem auch gute Öffentlichkeitsarbeit und Abfallberatung.
  • Re-Use und Repair braucht in Gemeinde und Region jemanden, der ein Motor dahinter ist und sich übergeordnet kümmert.
  • Re-Use muss auf drei Dinge achten: SUV – sauber, unbeschädigt und vollständig.

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EUREGIO-Kleinprojekt RessourcenRegionEUREGIO+

Für Klimaschutz und gegen die Übernutzung der natürlichen Ressourcen braucht es eine ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft. Die Kommunen spielen bei der Umsetzung dafür eine wesentliche Rolle. Das Projekt schafft Bewusstsein in den Gemeinden, informiert über Möglichkeiten und Best Practices und bietet Möglichkeiten zum Austausch zwischen den Gemeinden der EUREGIO Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein. Mehr zum Projekt erfahren Sie hier.

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