Webinarbericht | Rohstoffkrise als Turbo für Recyclingmaterial?

Chancen und Hindernisse für den Einsatz von Kunststoff-Rezyklat in Zeiten hoher Rohstoffpreise

Der Einsatz von Sekundärrohstoffen sowie die Recyclingfähigkeit von Produkten sind zwei zentrale Aspekte der sich entwickelnden Kreislaufwirtschaft. Gerade der Werkstoff Kunststoff steht dabei aktuell wie kein anderer im politischen und gesellschaftlichen Fokus. Mit der COVID-Krise wurde der Rohstoffmarkt und vor allem auch der Recyclingmarkt stark unter Druck gesetzt. Wie haben sich die erst eingebrochenen und nun stark gestiegenen Rohstoffpreise auf Angebot und Nachfrage von Recyclingmaterial ausgewirkt? Welchen Ausblick auf die Zukunft lassen die aktuellen Entwicklungen der Rohstoff-„Krise“ zu? Experten aus Recyclingwirtschaft und Industrie diskutierten dazu bei einem Webinar von Ressourcen Forum Austria und STENUM GmbH mit 70 Teilnehmern über Chancen und Hemmnisse des Einsatzes von Sekundärrohstoffen in Zeiten hoher Rohstoffpreise und zeigten erfolgreiche Beispiele aus der Kunststoffbranche auf. Das Webinar war Teil der “Webinarreihe zur Förderung von Ressourceneffizienz- und Kreislaufwirtschaftsaktivitäten in Österreichs Produktionsbetrieben“, die vom Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie finanziert wird. Kooperationspartner waren diesmal der Kunststoff-Cluster, der Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe, die Industriellenvereinigung Salzburg und das Schweizer Reffnet.ch.

Warum ist Recyclingmaterial überhaupt Thema?

In seiner Begrüßung und Eröffnung spannte Andreas Van-Hametner, Geschäftsführer des Ressourcen Forum Austria den großen Bogen von den ökologischen Problemen zu den ökonomischen Herausforderungen der österreichischen Produktionswirtschaft und zeichnete dabei die Kreislaufwirtschaft als einen Lösungsansatz zur Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit und Wertschöpfung. Anhand der aktuellen Preisrallye zeigte Van-Hametner auf, wie bedeutend das Thema Ressourcen für die produzierende Wirtschaft mit Ihren hohen Materialkostenanteilen (durchschnittlich deutlich über 40%) ist und leitete damit zum zweiten Beitrag über.

Aktuelle Entwicklungen auf den globalen Rohstoffmärkten

Florian Koller von der Abteilung Wirtschafts- und Handelspolitik der Wirtschaftskammer zeigte eingangs anschaulich den Einfluss der COVID-19-Pandemie auf den Rohstoffmarkt und die aktuellen Steigerungen von Frachtkosten und Rohstoffpreisen. Der aktuelle Rohstoffboom beschränkt sich nicht auf ausgewählte Materialien, sondern reicht von Industriemetallen, biogenen Rohstoffen bis zu Polymeren. Allerdings, so Kollers Analyse ist bei einzelnen commodities bereits wieder eine Entspannung festzustellen. Die Holzpreise beispielsweise haben sich nach einem starken Anstieg wieder beruhigt. Die starken Materialsteigerungen, die der heimischen, wie der europäischen Industrie durchaus zu schaffen machen, sind nach Experten nicht monokausal zu erklären. Zum einen besteht eine verstärkte konjunkturbedingte Nachfrage und Produktionskapazitäten sind aufgrund der COVID-19-Pandemie noch nicht wieder voll ausgestaltet. Dazu kommen diverse regionale Faktoren. Auf jeden Fall leidet die österreichische Industrie unter dem Materialmangel stark – über 30% der Betriebe gaben zuletzt den „Mangel an Material oder Kapazität“ als zentrales Produktionshindernis an, ein Höchstwert! Die Hälfte dieser Betriebe, so Koller, will deshalb demnächst seine eigenen Verkaufspreise anheben – auch das ein Höchstwert. Im Kunststoffbereich haben die hohen Preissteigerungen für unterschiedlichste Primärrohstoffe auch deutlichen Einfluss auf den Sekundärmarkt. Sämtliche Recycling-Kunststoffe verzeichneten ab dem 2. Quartal 2021 deutliche Preissteigerungen.

Aktuelle Hemmnisse des Rezyklateinsatzes – haben diese noch Bestand?

Andreas Van-Hametner stellte dann mit dem Hintergrund der aktuellen Preisrallye die zentrale Frage des Webinars in den virtuellen Raum: „Wie steht es um die Wettbewerbsfähigkeit von Rezyklat?“ Bislang liegt der Marktanteil von Rezyklaten in Europa bei 7,9%, in Deutschland bei 13,4%, für Österreich konnte Van-Hametner keine Daten nennen, es gibt aber aktuell eine Studie, die dieser Frage nachgeht. Um diese Quoten zu erhöhen, ist die Wettbewerbsfähigkeit des Sekundärmaterials zu erhöhen. Aktuell werden zumeist noch folgende vier Faktoren ins Treffen geführt:

  1. Höhere Kosten (Sekundärmaterial ist zum Teil deutlich teurer als virgin material),
  2. Schwankende Materialqualitäten (ergeben Probleme in Bezug auf Funktion, Verlässlichkeit und Homogenität)
  3. Mangelnde Verfügbarkeit (im Besonderen von ausreichenden Mengen qualitativ hochwertiger Rezyklate die für bestimmte Anwendungen wie Extrusion oder Tiefziehen notwendig sind) und zudem auch eine geringe Nachfrage sowie
  4. Rechtliche Einschränkungen (die zu beschränkten Einsatzfeldern von Rezyklaten führen).
Probleme für Wettbewerbsfähigkeit von Rezyklaten; Abbildung: RFA

Aber diese Argumente wurden bereits in der Vergangenheit ins Treffen geführt. Stimmen Sie auch heute noch oder hält nur mehr das bestehende Image mehr Unternehmen vom verstärkten Rezyklateinsatz ab?

Achterbahn der Nachhaltigkeit – Folienrecycling im Wandel der Zeit

Nur bedingt kann Bernhard Baumberger von Walter Kunststoffe dieser Argumentation folgen. Er skizzierte in seinem Beitrag  anhand des Beispiels Folienrecycling (LD PE und LLD PE PCR Folien Qualität 310) die aktuelle Achterbahnfahrt des Kunststoffrecyclings und stellte damit den Rezyklatmarkt aus Sicht des Recyclers dar. Angebot, wie Nachfrage nach Kunststoff-Rezyklaten schwankten in den letzten Jahren deutlich, vor allem abhängig von der Wirtschaftsentwicklung, aber auch unter dem Einfluss geänderter politischer Rahmenbedingungen. Den Beginn einer Zeitenwende schilderte Baumberger mit den verschärften chinesischen Vorgaben für den Import von Kunststoffabfällen. Seitdem ist Europa stärker selbst mit seinen Abfällen und dessen Recycling beschäftigt. Der Beginn der COVID-19-Pandemie setzte dann auch den Recyclingmarkt besonders unter Druck. Niedrigste Öl- und damit auch Polymerpreise sowie eine generell niedrige Nachfrage führten zum Einbruch des Recyclingmarkts und zu einem Erliegen der Rezyklatnachfrage. Mit dem Aufschwung änderte sich die Situation wieder. Dieser führte zu höheren Polymerpreisen und diese wiederum zu einer verstärkten Nachfrage nach Recyclingmaterial. Doch abseits dieser konjunkturellen und außergewöhnlichen Herausforderungen bestehen laut Bernhard Baumberger generelle Probleme, die den Recyclingmarkt treffen:  

  • Es fehlen stabile Endmärkte für Rezyklat,
  • das vorherrschende Produktdesign und Marketing mit seinem „dünner“, „schneller“ und „stabiler“ sowie die Problematik von Verbundmaterialien (zB Getränkeverpackungen) stehen der Rezyklierbarkeit entgegen und
  • es fehlt eine österreichweit einheitliche Regelung für die Sammlung von Kunststoffabfällen, die Endkonsumenten sind deshalb überfordert mit negativen Auswirkungen auf die Recyclingqualitäten

Was braucht es deshalb? Für Bernhard Baumerger ist ein verpflichtender Rezyklateinsatz samt Quoten neben einer verbesserten Sammlung und technologischer Weiterentwicklungen in der Sortierung ein Lösungsansatz für die Zukunft des Kunststoffrecyclings.

Recyclingmaterial in Verpackungen

Die Nachfrageperspektive um Rezyklat nahmen dann drei Unternehmensvertreter unterschiedlicher Teilbereiche der Kunststoffbranche ein. Den Beginn machte Dieter Pölz von Greiner Packaging mit seinem Einblick in die aktuelle Praxis. Im Non-food-Verpackungsbereich sind 30% Rezyklatanteil durchaus üblich, im Automotive-Sektor etwas weniger. In diesem Bereich spielen teilweise die hohen Qualitätsanforderungen eine Rolle. Auch in der Lebensmittelverpackung bestehenden sowohl hohe rechtliche Eintrittshürden wie auch Qualitätsanforderungen. Zudem besteht teilweise bei Kunden noch die Sorge vor schlechterer Qualität. Trotzdem verweist Pölz auf eine Vielzahl an Verpackungen aus dem Hause Greiner mit hohen Rezyklatanteilen, u.a. Blister Packs aus 100% rPET und viele Gebinde mit 50% r-PP, oder r-HDPE. Eine weitestgehende Absage erteilte Pölz an Biobased material, aufgrund der oft wahrgenommenen Konkurrenz des Rohstoffs zur Nahrungsmittelproduktion durch viele Konsumenten.  Die Versorgung mit r-PS und r-PET aus dem mechanischen Recycling erachtet Pölz als möglich, die Verfügbarkeit von recycelten Polyolefinen (r-PE, r-PP) ist bislang gering, da diese nur aus dem chemischen Recycling und noch nicht im großindustriellen Maßstab verfügbar sind.

Einen wesentlichen Schlüssel für verbesserte Ausgangsbasis für das Rezyklatangebot sieht auch der Vertreter von Greiner Packaging im Produktdesign und ortet noch Potenzial bei Marketing und Handel für mehr Bewusstsein. Pölz sieht dabei sechs goldene Regeln für recyclinggerechte Verpackungsgestaltung:

  1. geringeren Materialeinsatz durch die Reduktion der Verpackung,
  2. die weitgehende Verwendung von Monomaterialien,
  3. die Reduktion der bedruckten Flächen,
  4. EuPIA konforme Druckfarben,
  5. Verwendung von Materialien, für die eine Sammellogistik besteht,
  6. sowie ein reduzierter Einsatz von (gefärbten) Masterbatches.

Greiner hat einige Produkt im Portfolio, wie den K3® Joghurtbecher mit Abreißlasche, die diese Designprinzipien beachten und Recycling unterstützen. Unter anderem wurde das Unternehmen für einen unbedruckten Schulmilchbecher ausgezeichnet, die Kennzeichnung befindet sich dabei ausschließlich auf dem Alu-Deckel.  Außerdem engagiert man sich im HolyGrail Projekt in dem unter UV sichtbare Codes in das Grundmaterial eingebracht werden, um so maschinenlesbare Informationen über das Material im Material zu codieren und verbesserte Sortierung zu gewährleisten.

Rechtslage als Hemmschuh?

Bezüglich der rechtlichen Rahmenbedingungen zum Einsatz von Recyclingmaterial in Lebensmittelverpackungen besteht noch viel Unklarheit, die einen stärkeren Einsatz behindert. Hier sind im Besonderen noch einige EFSA-Approvals ausständig. Um die Wettbewerbsfähigkeit des Rezyklats zu erhöhen wird es auch notwendig sein, dass deren Anbieter dieselben Anforderungen bezüglich protokollierter Tests und Prüfungen erfüllen wie Anbieter von Primärmaterial. Dies ist bei Virgin Produzenten Usus, bei Rezyklatanbietern noch Neuland.

Eine Fahne von der Wiege zur Bahre

Gerald Heerdegen von Fahnen-Gärtner stellte dann die gesamthafte nachhaltige Ausrichtung seines „Unternehmens der Menschlichkeit“ vor. Fahnen-Gärtner verarbeitet aktuell über 500.000 m² Stoff pro Jahr zu Fahnen und weiteren Produkten der Innen- und Außenwerbung. Bereits seit fast einem Jahrzehnt ist man sehr bemüht in Materialauswahl und -bearbeitung nachhaltige Maßstäbe zu setzen. Bei den Fahnen setzt man mittlerweile auf Polyester aufgrund seiner längeren Haltbarkeit gegenüber Naturmaterialien. Allerdings arbeitet man bei Fahnen-Gärtner an einem Konzept für Fahnen aus Hanf (mit kürzerer Lebensdauer). Seit 2021 setzt man dabei in einer Produktschiene explizit auf recycelte Polyesterfaserstoffe aus 100% Ocean-Waste Plastic. Die damit einhergehenden höheren Materialkosten hat das Unternehmen vorerst nicht an die Kunden weitergegeben, sondern selbst „geschluckt“. Ein neues Produkt, welches aktuell noch nicht am Markt eingeführt, ist mit “cradle to cradle Gold”-Zertifizierung geplant. Seit 2012 werden Fahnen aus Polyester mit langer Haltbarkeit hergestellt. Aktuell werden die ausgemusterten Fahnen durch die Kunden selbst entsorgt (und voraussichtlich vorwiegend thermisch verwertet), allerdings plant Fahnen-Gärtner für die Zukunft auch Systeme in denen eine Rücknahme vorgesehen ist. Gerald Heerdegen sieht es als besondere Herausforderung, eine nachhaltige Orientierung glaubwürdig zu kommunizieren. Das braucht viel Überzeugungsarbeit. Man sollte dabei nicht auf Gesetze warten, sondern Unternehmer sind gefordert mit gutem Beispiel voranzugehen.

Der Wertstoffbehälter ist nicht für die Tonne

Die Unternehmensbeispiele komplettierte dann Michael Seifter von Europlast Kunststoffbehälterindustrie aus Kärnten. Europlast stellt Boxen und Behälter für Industrie-, Logistik- und Landwirtschaftsanwendungen sowie Wertstoffsammelbehälter für die Recyclingwirtschaft im Spritzgussverfahren her. In den letzten Jahren setzte Europlast mit mehreren Projekten zum verstärkten Einsatz von Mistkübeln aus Rezyklaten Maßstäbe. War im ÖKO Bin Projekt der Ansatz einen Wertstoffbehälter-Zyklus aufzustellen, so ist beim Projekt BIN UP neben dem Recyclingmaterial aus alten Wertstoffbehältern auch PCR-Material eingesetzt. Dabei konnte Seifter aufzeigen, wie Qualitätsstandards eingehalten und Akzeptanz für das Material erreicht werden kann. Aufgrund des höheren Materialeinsatzes durch die Notwendigkeit dickerer Wandstärken ist das Produkt aus 100% Rezyklat zwar teurer und schwerer und die Farbgebung auf schwarz reduziert. Aber in einer breiteren regionalökonomischen Betrachtung zeigt sich, dass bei dem regional hergestellten Recyclingprodukt die inländische Wertschöpfung deutlich höher liegt. Besonders für öffentliche Kunden ein gewichtiger Faktor.

Diskussion und Erfahrungsaustausch

Im Anschluss wurde unter anderem diskutiert, wer die zentralen Akteure der Bereitstellung von Rezyklat in der Zukunft sein werden? Einige Experten beobachten eine zunehmende Integration entlang der Wertschöpfungskette. Beispiele dafür sind die Übernahmen von Recyclingbetrieben durch Chemieunternehmen wie BASF und Borealis. Die jetzigen Recycler und Entsorger werden aber vermutlich weiterhin das Rückgrat des Recyclingmarkts sein. Die großen Unternehmen sichern sich zunehmend hochwertige Materialströme aus detaillierterer Sammlung (wie bereits in Skaninavien zu bemerken). Für kleine Unternehmen bleiben Chancen in Nischen. Auch Produktionsbetriebe werden noch sensibler mit eigenen Produktionsabfällen umgehen und bestmöglich auf betriebsinterne Recyclingprozesse achten.

Die Chance für Recyclingmaterial sei so groß wie nie, weil Kunden es wollen, Technologie vorhanden ist und Bewusstsein bei Produzenten. Allerdings fehlen noch die Menge und die Qualität. Deshalb ist die Sammlung zu verbessern damit bei der Summe an Rezyklaten die Qualität steigern. Damit werden diese dann auch bei höheren Preisen wettbewerbsfähig. Die Akzeptanz der höheren Preisen kann entweder durch öffentlich Unterstützung oder durch höheren Kundennutzen (Produkte können teurer verkauft werden) stattfinden. Zusätzlich wünschen sich Branchenvertreter die öffentliche Incentivierung des Rezyklateinsatzes.

Take Home Messages

  • Detailliertere Sammlung und Sortierung und mehr Bewusstsein bei Konsumenten nötig
  • Produktdesign ist zentraler Hebel für optimierte Sortierung
  • Rezyklat kann heute schon in vielen Bereichen erfolgreich eingesetzt werden
  • Der Ruf nach verbindlichen Rahmenbedingungen (Mindest-Einsatzquoten, Normen) ist groß

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