Webinarbericht | Wiederaufbereitung als Geschäftsmodell

In der Entwicklung zur Kreislaufwirtschaft, gilt sie als einer der großen Hebel: Die industrielle Wiederaufbereitung von gebrauchten Produkten. Unterschiedliche Bezeichnungen wie Remanufacturing und Refurbishing beschreiben dabei verschiedene Intensitäten der Aufbereitung eines gebrauchten Gerätes bis hin zum Qualitätsstandard von Neuware. Große wirtschaftliche und ökologische Vorteile zeichnen die Wiederaufbereitung aus. Durch Wiederaufbereitung werden große Mengen Material und Energie eingespart und dadurch Kosten sowie Treibhausgasemissionen reduziert.  Unternehmen bietet sich zudem die Möglichkeit zusätzlicher Geschäftsfelder, Wertschöpfung sowie Markenbildung und Kundenbindung. Außerdem verstärkt die Wiederaufbereitung in Zeiten der Rohstoffkrise die Kontrolle über den eigenen Materialbezug. Wie die einzelnen Wiederaufbereitungsschritte (Demontage, Reinigung, Prüfung auf Wiederverwendbarkeit, Aufarbeitung und Montage) in der industriellen Praxis implementiert werden und Unternehmen die Wiederaufbereitung als Geschäftsmodell nutzen können, erfuhren interessierte Zuhörer in einem Webinar am 7. Juli 2022.

Remanufacturing als wichtiger Hebel zur Kreislaufwirtschaft (Foto: Etlinger/BMK)

Das Webinar organisiert von Ressourcen Forum Austria war Teil der “Webinarreihe zur Förderung von Kreislaufwirtschaftsaktivitäten in Österreichs Produktionsbetrieben“, finanziert durch das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie. Kooperationspartner waren der Automobilcluster, der Fachverband Metalltechnische Industrie, Reffnet.ch, die IV Salzburg, STENUM sowie Kemény Boehme & Company.

Die aktuelle Kreislaufwirtschaftsstrategie

Erna Etlinger van der Veeren startete das Webinar mit einem Überblick über den aktuellen Stand der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie. In dieser ist die Vision des Klimaschutzministeriums von der Umgestaltung der österreichischen Wirtschaft und Gesellschaft in eine klimaneutrale nachhaltige Kreislaufwirtschaft innerhalb der planetaren Grenzen bis 2050 festgeschrieben. Sie ist inhaltlich fertiggestellt und wird demnächst dem Ministerrat zur Beschlussfassung vorgelegt. Sie soll die Abhängigkeit von Rohstoffimporten verringern, die Krisenfestigkeit der österreichischen Wirtschaft und Gesellschaft stärken und das Erreichen der Klimaziele unterstützen. Konzeptuell setzt die Kreislaufwirtschaftsstrategie dabei auf die „R“-Grundsätze von Refuse über zB Reuse, Repair bis Recycling. Die beiden Grundsätze „Refurbishing“ und „Remanufacturing“ spielen auch in der Kreislaufwirtschaftsstrategie des Klimaschutzministeriums eine wesentliche Rolle. Im Besonderen adressiert die Strategie folgende besonders ressourcenintensive Bereiche:

  • Bauwirtschaft & Infrastruktur
  • Mobilität
  • Kunststoffe & Verpackungen
  • Textilwirtschaft
  • Elektro- und Elektronikgeräte, IKT
  • Biomasse
  • Abfälle & Sekundärrohstoffe

Wiederaufbereitung als Geschäftsmodell

Wie die Wiederaufbereitung in einer von diesen ressourcenintensiven Bereichen als Geschäftsmodell funktionieren kann, skizzierte Felix Feuerbach, von Kemény Boehme & Company, einer Münchner Unternehmensberatung für produkt- und praxisorientierte Beratungsprojekte mit Schwerpunkt auf die Automobilindustrie. Felix Feuerbach führt aus, dass die Wiederaufbereitung von Altteilen insbesondere im Automotivebereich, aber auch zB in Luftfahrt, Maschinenbau und Consumer Electronics nichts Neues, sondern bereits weit verbreitet ist. Die aktuelle Diskussion um resiliente Komponentenversorgung stärkt aktuell aber das Potenzial des Geschäftsmodells Wiederaufbereitung. Damit können all jene Aktivitäten zusammengefasst werden, welche die industrielle (Wieder-)Herstellung eines neuwertigen Produkts aus einem Altteil zum Ziel haben, gemäß dem Motto „Aus Alt mach Neu!“. Dieser Wiederaufbereitungsprozess setzt sich aus vier wesentlichen Prozessen zusammen:

  1. Sammlung und Rückführung gebrauchter, nicht mehr funktionsfähiger Produkte aus den Märkten
  2. Sortierung und Befundung der gesammelten Produkte entsprechend des Wiederaufbereitungspotenzials
  3. Industrielle Wiederaufbereitung und Wiederherstellung aller Produktmerkmale
  4. Vermarktung und Verkauf des aufbereiteten Produktes über geeignete Kanäle
Wiederaufbereitung als Prozess mit vielen Stellschrauben (Bild: pixabay.com)

Grundsätzlich ist die Durchführung dieser vier Prozesse für viele Produktgruppen in unterschiedlichen Branchen technisch anwendbar. In der Praxis findet die Wiederaufbereitung in unterschiedlichen Ausprägungen statt. Die Unterscheidung liegt zum einen an unterschiedlicher strategischer Auslegung der Produzenten (in Bezug auf Lebensdauererwartung und Qualität) und unterschiedlicher Standards. Grob unterscheiden lassen sich Felix Feuerbach nach das Remanufacturing (industrielle Instandsetzung mit hohem Wertschöpfungsanteil, identische Qualität und gleiche Lebensdauererwartung wie Neuteil) und das Refurbishing (industrielle Instandsetzung von Produkten mit geringem Wertschöpfungsanteil), ev. Reduzierte Qualität und Lebensdauererwartung wie Neuteil).

Für die Umsetzung von Wiederaufbereitung sprechen sowohl wirtschaftliche und ökologische Faktoren (u.a.):

Ökonomisch

  • Erschließung neuer Kundensegmente
  • Steigerung Absatz & Marge im After Sales
  • Angebot zeitwertgerechter Instandsetzung
  • Sicherstellung (Ersatz-)Teileversorgung
  • Senkung Herstellkosten
  • Graumarkteindämmung (Schutz der eigenen Marke)
  • Auslastung Außenorganisation AS (Werkstätten etc.)
  • Reduzierung von Gewährleistungskosten
  • Standortsicherung & Erhöhung der Mitarbeiterauslastung

Ökologisch

  • Reduktion Materialbezug
  • Reduzierung CO2 und Schadstoffausstoß in der Produktion
  • Generelle Reduktion Umweltauswirkungen der Produktion

Aktuell dominieren bei der Motivation der Unternehmen, die auf Wiederaufbereitung setzen noch die wirtschaftlichen Argumente. Richtig betrieben, ist die Wiederaufbereitung nämlich nicht nur ökologisch wertvoll, sondern auch ökonomisch ein Geschäft.

Um es zu einem Geschäft zu machen, gilt es aber noch typischen Herausforderungen zu begegnen. Bevor man damit beginnt, sind eine Zieldefinition und die Preisfindung wichtig. Die Angst vor Kannibalisierung muss überwunden werden, Themen wie Logistik und Verfügbarkeit analysiert werden und die steuer- und zollrechtlichen Aspekte mitgedacht werden. Beispielsweise können auf manche Bauteile Exportbeschränkungen vorliegen, auch die Definition der Produkte zwischen Reman und Refurb ist oftmals relevant für den Außenhandel. Zentral ist bei der Wiederaufbereitung die Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen des Unternehmens, vom Aftersales, über Controlling, Forschung und Entwicklung. Außerdem ist die Planung der notwendigen Prozesse zentral und der Fokus und die Aufmerksamkeit des Top-Managements für dieses Thema. Aktuelle Herausforderungen für den Wiederaufbereitungsmarkt in der Automobilbranche stellen Nachbau-Ersatzteile und der Umstieg auf Elektromobilität, da der Remanufacturing-Markt bislang noch stark auf den Verbrennermarkt abstellt.

Wie aus Gebrauchtstaplern Jungstars werden.

Wie der konkrete Wiederaufbereitungsprozess bei einem führenden europäischen Produzenten von Flurförderfahrzeugen konzipiert ist, berichtete im Anschluss Markus Brunader, Leider der Abteilung Operations bei Jungheinrich Austria GmbH. Bei Jungheinrich werden seit einigen Jahren gebrauchte Stapler in einem eigenen Werk in Dresden aufbereitet. Waren es zu Beginn 2006 erst 30 Mitarbeiter, so bereiten aktuell über 230 Mitarbeiter im Jahr knapp 6000 Gebrauchtstapler – fast aller Modelle –  auf. Nur einfache Handgabelhubwagen werden bislang aus Kostengründen nicht aufbereitet. Die Nachfrage ist aktuell so hoch, dass das bestehende Werk auf Kapazitätsprobleme stößt, und nun auch in einem Werk in Rumänien auf Wiederaufbereitung gesetzt wird. Unterschieden wird bei Jungheinrich zwischen der klassischen Werkstatt-Aufbereitung die vorwiegend eine optische Überarbeitung bedeutet (Lackierung) und der vollen Aufbereitung bei den „Jungstars“. Hier werden Rückläufer, Austauschgeräte, An- und Rückkäufe (gebrauchte Geräte werden bei Neukäufen in Zahlung genommen) sowie Gebrauchte aus der eigenen Mietflotte vollständig in einen neuwertigen Zustand gebracht. Der Ablauf ist von der Eingangsinspektion, den Reparatur- und Tauschvorgängen, der Aufbereitung, Endkontrolle und Auslieferung modularisiert und in sechs Schritten definiert. Zu Beginn wird jeder Rückläufer einem Eingangscheck unterzogen, in dem der Zustand festgestellt wird und auf Basis dessen etwaige Ersatzteile intern bestellt werden. Darauf folgt die komplette Zerlegung samt Reinigung und Entsorgung der Flüssigkeiten. Im Anschluss das Herz des Remanufacturing – die Komponentenaufbereitung. Hier werden Reifen getauscht, Ketten, Kugellager und Hydraulikschläuche ausgetauscht. Schlussendlich folgt die Oberflächenbearbeitung bis zur Lackierung und im Nachgang die Wiederzusammenführung der Komponenten. Auch die Auf-/Umrüstung auf Basis eine geänderten Anforderungsprofils ist im Zuge der Aufbereitung möglich, zB das Upgrade auf Lithium-Ionen Akkus. Bislang wird Umrüsten/Aufrüsten erst selten von Kunden gewünscht. Am Schluss gibt es die Endkontrolle mit Funktionstest und Sicherheitsüberprüfung. Auf die aufbereiteten Produkte gibt Jungheinrich wiederum ein Jahr Gewährleistung. Ökologisch spart das Unternehmen laut eigenen Angaben bis zu 80% der CO2-Emissionen im Verhältnis zu einem Neuprodukt. Auch wirtschaftlich ist die Wiederaufbereitung ein Erfolg, bietet interessante Margen und stellt mittlerweile einen Anteil von knapp 30% des Gesamtgeschäftes dar.

Ein zweites Leben für das Feuerwehrfahrzeug

Das zweite Praxisbeispiel stellte die Rosenbauer International AG, ein oberösterreichischer  Feuerwehrgerätehersteller aus Leonding. Thomas Kitzler, Product Manager Service führte aus, wie Rosenbauer Feuerwehrfahrzeugen ein zweites Leben verleiht. Der Prozess beginnt wie bei Jungheinrich mit einer genauen Eingangsinspektion. Kernthema ist dabei ebenso die durchgängige Qualitätskontrolle. Um Upgrades (Stichwort Retrofit) bei der Wiederaufbereitung (hier Refurbishing genannt) zu ermöglichen, arbeitet das Unternehmen rückwärtskompatibel, so dass neue Technologien immer auch in Altfahrzeugen einsatzfähig sind. Anhand des „Vorführ“-Beispiels eines Hubrettungsfahrzeugs skizziert Thomas Kitzler die einzelnen Schritte, die intern in exakten Arbeitspaketen definiert sind. Die umfangreiche Wiederaufbereitung findet größtenteils in-house statt, nur einzelnen Wiederaufbereitungsschritte werden extern umgesetzt (zB Sattlerarbeiten, Pulverbeschichten). Für die Wiederaufbereitung spricht aus Kundenperspektive sowohl der Preis („like-new“ für die Hälfte der Kosten einer Neuanschaffung), wie auch Qualitätsverbesserungen wie die Möglichkeit von Upgrades und Modifikationen wie zB die Nachrüstung von Beleuchtung, Kamerasystemen und spezifischem Equipment). Rosenbauer bietet hier ebenso eine Fahrzeuggarantie, vergleichbar mit Neufahrzeugen. Für Feuerwehren besonders relevant ist aber, dass für wiederaufbereitete Fahrzeuge keine zusätzlichen Schulungen notwendig sind. Dies reduziert wiederum die Kosten, erhöht aber vor allem die wichtigste Währung der Einsatzorganisation: die Einsatzbereitschaft! Und natürlich spielen auch die Nachhaltigkeitsaspekte eine zunehmende Rolle, denn durch die Wiederaufbereitung können bis zu 88% der Komponenten weiterverwendet werden.

Rosenbauer hat den Wiederaufbereitungsprozesse weitestgehend in effizienten Arbeitspaketen optimiert und kann diesen trotz einem hohen Arbeitskostenanteils wirtschaftlich abbilden. In der Zukunft wird Rosenbauer unter anderem die Umrüstung auf alternative Antriebe, die vollständige Recyclingfähigkeit sowie die Reduktion von Emissionen, Lärm und Abgasen beschäftigen.

Diskussion und Erfahrungsaustausch

Im abschließenden Erfahrungsaustausch diskutierten die Referenten mit den Teilnehmern unter anderem über die weitere Ausrollung der Wiederaufbereitung auf andere Branchen und Produktgruppen. Dabei wurde herausgearbeitet, dass der Substanzwert und die Komplexität der (Produkt)Systeme groß genug sein müssen, um einen lohnenden Remanufacturingprozess zu entwickeln. Je geringer die Herstellkosten, desto weniger lohnt sich eine Wiederaufbereitung, denn schlussendlich wollen Unternehmen auch damit Erträge erwirtschaften und nicht nur der Umwelt einen Gefallen tun. Wirtschaftlichkeit und Kostenreduzierung sind deshalb nach wie vor die wichtigsten Argumente für die Wiederaufbereitung. Lohnkosten, Qualität und Premiumstatus und Schulungsbedarfe bei langlebigen Investitionsgütern  forcieren Remanufacturing. Die Wiederaufbereitung wiederum hat eine Rückwirkung auf das Design. Bislang steht diese Produktdesign-Beeinflussung noch sehr am Anfang und ist mit Zielkonflikten behaftet. Auch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle aufbauend auf der Wiederaufbereitung ist für viele Unternehmen noch Neuland.

Langfristig wird sich die Wiederaufbereitung nur durchsetzen können, wenn sie entweder durch ordnungspolitische Rahmenbedingungen forciert wird, oder für Kunden und Produzenten Kostenvorteile bzw. zusätzliche Qualitäten bietet. Ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel hin zu einem Bewusstsein, welches die Aufbereitung als schick und gleichwertig wahrnimmt, ist dafür ebenso notwendig, denn wenn ein Produkt nicht attraktiv ist, wird es sich nicht am Markt durchsetzen!

Take Home Messages

  • Die industrielle Wiederaufbereitung von gebrauchten Produkten ist einer der großen Hebel der Kreislaufwirtschaft
  • Remanufacturing und Refurbishing sparen große Mengen Material und Energie und reduzieren Kosten sowie Umwelteinwirkungen
  • Die technische Machbarkeit zur Wiederaufbereitung ist bei vielen Produktgruppen gegeben, entscheidend ist die wirtschaftliche Abbildbarkeit
  • Ob die Wiederaufbereitung wirtschaftlich sinnvoll ist, entscheidet vor allem der Substanzwert sowie die Komplexität des (Produkt-)Systems

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